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Der Schatz in Röhrsdorf

Die Lübecker Bibel von 1533/34 wurde jetzt restauriert und wird im August in der Röhrsdorfer Kirche vorgestellt.

Wohlverwahrt ist der Schatz der St.-Bartholomäus-Kirchgemeinde Röhrsdorf. Keine bösen Buben sollen ihn stehlen. Denn die Röhrsdorfer haben eine gedruckte Kostbarkeit in ihrem Besitz: Die Lübecker Bibel von 1533/34, die erste mittelniederdeutsche oder auch plattdeutsche Ausgabe der Lutherbibel. Pfarrer Christoph Rechenberg weiß Näheres: „Das Werk war die erste Ausgabe einer Vollbibel nach Martin Luthers Übersetzung und erschien ein halbes Jahr vor der ersten kompletten hochdeutschen Ausgabe.“ Es wird auch Bugenhagen-Bibel genannt – nach der Herausgeberschaft von Johannes Bugenhagen. Dieser war Reformator, Freund und Seelsorger Luthers und Pfarrer der Stadtkirche in Wittenberg.
Die Röhrsdorfer können sich glücklich über diese Errungenschaft schätzen: Denn in Deutschland existieren davon nur noch wenige Exemplare. Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin oder auch die Lüneburger Ratsbücherei zum Beispiel haben diese auch in ihren Archiven.
Die Herkunft dieser Bibel in Röhrsdorf ist schon eine Geschichte wert. Pfarrer Christoph Rechenberg kennt den Werdegang. So hatte Fürst Heinrich LXIII Reuß von Köstritz dieses Buch 1827 erworben. Es war damals bei der Räumung eines Abbruchhauses in Lübeck gefunden worden. Das wertvolle Exemplar blieb dann über 100 Jahre in Besitz der Patronatsherrschaft der Familie Reuß auf Schloss Klipphausen, wie Christoph Rechenberg berichtete. Zu Pfingsten 1939 hätten die letzten Besitzerinnen dieses Anwesens, die Prinzessinnen Gertrud und Anna Reuß zu Köstritz der Röhrsdorfer Kirchgemeinde diese wertvolle Bibelausgabe geschenkt. Das geschah anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Kirche. Seitdem ist das Buch in Besitz des Röhrsdorfer Gotteshauses.

Im Bild zwei Meisterwerke nebeneinander: Die Ausgabe der Lutherbibel der Evangelischen Kirche zum 500. Reformationsjubiläum, die von der Deutschen Bibel Gesellschaft herausgegeben wurde, befindet sich links auf der historischen Bugenhagen-Bibel, die rechts die Titelseite vom Neuen Testament zeigt.

Die Lübecker Bibel sieht imposant aus. Der Ledereinband ist mit zwei Buchschließen versehen. 35,5 Zentimeter hoch, 25,5 Zentimeter breit und neun Zentimeter dick ist das Exemplar, das das Alte und das Neue Testament sowie auch die „Apokryphen“, die Spätschriften des Alten Testaments, enthält. Mehr als 800 Seiten mögen es insgesamt sein. Das Titelblatt ziert ein Kupferstich von Adam und Eva. Auf den Seiten beeindrucken schön geschwungene Versalien der Anfangsbuchstaben. Diese Bibelausgabe gilt durch ihre Illustrationen und durch ihre gelungene typographische Gestaltung als ein Meisterwerk der Druckkunst. Sie wurde 1533 in der Ludowich Dietz-Druckerei in Lübeck hergestellt. Die Röhrsdorfer bewahren jetzt diesen Schatz in einer säurefreien Box mit Magnetverschluss auf.
Froh ist die Kirchgemeinde darüber, dass ihre Bibel jetzt sorgsam restauriert wurde. In den vergangenen zwei Jahren hat die bekannte Buchbinderin und Restauratorin Cornelia Lindner aus Radebeul dort die zerstörenden Spuren des Alters gemindert. So war zum Beispiel der Buchdeckel aus Holz, der mit Leder überzogen ist, von Würmern zerfressen. Weit über 100 Buchseiten, wo oft Löcher entstanden waren, wurden von der Restauratorin sorgfältig bearbeitet. „Wir danken Frau Lindner dafür sehr“, sagt der Pfarrer. Die Radebeulerin hatte schon vor einigen Jahren handgeschriebene Kirchenbücher der Röhrsdorfer Kirchenbibliothek von 1698 bis 1772, die unersetzliche Zeitdokumente sind, restauriert.
Über 2 000 Euro hat jetzt die Auffrischung der historischen Lutherbibel gekostet. Unter anderem werden diese Buchrestaurierungen durch den Verkauf des jährlichen Apfelkalenders der St.-Bartholomäus-Kirchgemeinde bestritten. Dessen Abbildungen stammen aus dem Werk „Die verborgenen Früchte des Johann Gottfried Ziller“. Dieses Manuskript einer Pomologie Zillers, der bis 1831 als Kantor, Organist und Schullehrer in Kaditz bei Dresden gewirkt hat, befindet sich in der Röhrsdorfer Kirchenbibliothek.
Die Kirchgemeinde will ihren Lutherbibel-Schatz auch der Öffentlichkeit zeigen. Am 20. August 2017, 16 Uhr, wird bei einem Fest zur historischen Lutherbibel in der Röhrsdorfer Kirche die Pfarrerin aus Neuruppin, die Plattdeutsch spricht, Texte daraus vorlesen. „Wir freuen uns schon sehr auf dieses Ereignis und hoffen, dass viele Gäste kommen werden“, sagt Pfarrer Christoph Rechenberg.

Text und Foto: Dieter Hanke, 21.03.2017