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Notruf wurde erhört

Die ärztliche Versorgung in Taubenheim und Umgebung war gefährdet. Jetzt öffnet eine neue Praxis für Allgemeinmedizin.

Gabriele Urban im Garten ihres Hauses in Taubenheim

In Taubenheim, Garsebach, Seeligstadt, Ullendorf, Polenz und weiteren Orten in den linkselbischen Tälern sind die Bürger froh, dass jetzt eine neue Praxis für Allgemeinmedizin in Taubenheim öffnet. Denn die künftige medizinische Vor-Ort-Versorgung war gefährdet, es drohten verwaiste Sprechzimmer. Ein Nachfolger für die Allgemeinarztpraxis in Taubenheim konnte lange Zeit nicht gefunden werden. Dr. Karl-Heinz Merkel, der hier 1982 zuerst in Robschütz und 1984 dann auch in Taubenheim die damalige staatliche Arztpraxis übernommen hatte, wollte in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Doch er verschob seinen Abschied, um die Patienten nicht im Stich zu lassen. Denn auch die Kassenärztliche Vereinigung war nicht in der Lage, für diese Bereiche auf dem Land eine Weiterführung der ambulanten medizinischen Versorgung zu gewährleisten. Da spielte das allgemeine Dilemma der Medizinernachfolge in Deutschland eine wesentliche Rolle. Denn gerade Landarzt zu sein, für die Patienten faktisch an sieben Tage in der Woche 24 Stunden lang da zu sein, ist für viele der jungen Mediziner nicht gerade attraktiv. Der Landarzt-Job ist anstrengend, hinzu kommt das Risiko der Selbstständigkeit mit hohem Verwaltungsaufwand. Da suchen angehende Mediziner lieber eine Stelle in Ballungszentren, in Kliniken und Krankenhäusern, als eine eigene ärztliche Niederlassung auf dem Land zu gründen. Die Politik hat da noch nicht umgesteuert. Medizinisch unterversorgte Gebiete auf dem Land nehmen in Deutschland immer mehr zu. 

Doch Gabriele Urban, Fachärztin für Innere Medizin, schreckt das nicht ab, jetzt in Taubenheim eine eigene Praxis für Allgemeinmedizin zu eröffnen. Ab 10. April wird sie ihre ersten Sprechstunden abhalten. Dazu haben Handwerker der Region und der Bauhof der Gemeinde seit mehreren Wochen einen Teil der einstigen kommunalen Kindertagesstätte in Taubenheim auf der Hauptstraße 10 b aus- und umgebaut. Der 1992 entstandene Anbau, wo dann die Krippe bis 2016 untergebracht war, wird jetzt Arztpraxis-Domizil sein – für Behandlungsräume, Foyer, Warte- und Mehrzweckraum, Archiv und anderes. Insgesamt knapp 100 Quadratmeter wird die Praxis haben. Hell und freundlich soll es werden, gelb-grünliche Farbtöne herrschen vor. Einige medizinische Geräte übernimmt Gabriele Urban von Dr. Merkel, andere sowie weitere Ausstattungen werden neu angeschafft. Auch die Mitarbeiterinnen von Dr. Merkel wechseln in die neue Praxis. „Ich freue mich auf meine neue Aufgabe“, sagt die Fachärztin, die nun für Kleinkinder bis zu betagten Bürgern in diesem linkselbischen Bereich tätig sein wird.

Dieter Schneider, Klipphausens Beigeordneter und Bauamtsleiter, fällt ein Stein vom Herzen, dass nun für Taubenheim und umliegende Orte eine solche Lösung gefunden wurde. „Wir wünschen Frau Urban einen guten Start“, sagt er. Die Gemeindeverwaltung hatte schnell entschieden, das einstige Kita-Objekt zur Arztpraxis auszubauen und dafür Bauleute zu organisieren. Frau Urban wird die Praxisräume von der Gemeinde mieten und ist dieser auch dankbar, dass sie beim Praxis-Förderantrag von der Verwaltung unterstützt wurde.

Was die Taubenheimer und Einwohner umliegender Orte auch besonders freuen wird, ist die Tatsache, dass Gabriele Urban eine von ihnen ist, das Leben auf dem Land kennt. 1959 wurde sie in Pohla bei Bischofswerda geboren. In Mecklenburg wuchs sie auf, machte dann den Zehn-Klassen-Abschluss in Obercunnersdorf bei Löbau und lernte Krankenschwester in Herrnhut in der Oberlausitz, wo sie dann im dortigen Krankenhaus arbeitete. Auf der Abendschule erwarb sie das Abitur, wollte dann Medizin studieren. Doch es klappte nicht mit einem Studienplatz. Weder hatte sie die Jugendweihe noch war sie in der FDJ oder in der Partei. Mit ihrem Mann, der Pfarrer ist, zog sie 1984 nach Taubenheim, wo er seine erste Pfarrstelle hatte. Sie war Stationsschwester im Pflegeheim im Schloss und wechselte dann 1992 zur Christlichen Sozialstation nach Meißen, wo sie bis 2000 als Krankenschwester tätig war. Dann wieder Umzug – ihr Mann wurde Pfarrer in Dresden-Wilschdorf, weil die Pfarrstelle in Taubenheim gestrichen worden war.

Ihren Traum vom Medizinstudium hatte Gabriele Urban aber nicht aufgegeben. Behördliche Entscheidungen zogen sich aber in die Länge, so dass sie erst 2000 mit dem Studium an der Medizinischen Akademie der TU Dresden beginnen konnte, das ihr einst der sozialistische Staat verwehrte. Da war sie 41 Jahre alt, hatte fünf Kinder, drei Mädchen und zwei Jungs. Ihre älteste Tochter Elisabeth war da 18 Jahre alt, genauso alt, wie viele ihrer Mitstudenten. „Ich wollte es schaffen, es war mein Lebensziel, Ärztin zu werden“, sagt sie. 2007 hatte sie das zweite Staatsexamen in der Tasche, begann Anfang 2008 eine Facharztausbildung zum Internisten am Krankenhaus in Kamenz, zusätzlich später noch eine Ausbildung in Geriatrie. Das alles schloss auch Arbeits- und Ausbildungsetappen in den Krankenhäusern Dresden-Friedrichstadt, Arnsdorf und am St.-Joseph-Stift in Dresden ein.

Im Krankenhaus Kamenz hatte sie dann die Chance, als Fachärztin für Innere Medizin, eine Geriatrie-Station aufzubauen und zu leiten. Zugleich fragte 2015 der Taubenheimer Arzt Dr. Merkel sie schon mal, ob sie nicht Interesse hätte, seine Praxis zu übernehmen. Da war sie aber noch unschlüssig, weil das Geriatrie-Vorhaben in Kamenz noch aktuell war. Doch als sich später herausstellte, dass die Finanzierung des Projekts auf Dauer nicht gesichert sei, entschloss sie sich für Taubenheim.

Maurer Stefan Zursidel vom Lehmanns Baufachbetrieb bei der Arbeit.
Die neue Arztpraxis in Taubenheim

 

 

 

 

 

 

 

 

So wird Gabriele Urban ab April dann täglich mit ihrem VW Polo von Ottendorf-Okrilla zur Praxis nach Taubenheim oder zur Außenstelle Garsebach und zurück pendeln. Ihr Mann war 2009 in die Pfarrstelle Ottendorf-Okrilla gewechselt. „Das sind 38 Kilometer, gut eine halbe Stunde“, sagt sie. 58 Jahre wird Gabriele Urban im Mai. Da denken nicht wenige Menschen schon an den Vorruhestand. Doch nicht die Fachärztin, sie will jetzt erneut durchstarten – mit solider Arbeit das Vertrauen der Bürger gewinnen, den Bereitschaftsdienst mit den anderen Ärzten absichern. Sie denkt auch daran, in absehbarer Zeit spezielle Programme für Diabeteskranke aufzulegen oder auch für Patienten mit Herz- und Kreislaufbeschwerden oder Chronischer Bronchitis. „Ich möchte mich einbringen“, sagt sie. Ihr Mann und ihre Kinder haben sie da ermuntert, diesen neuen Weg zu beschreiten. Ihre Kinder sind aus dem Haus - Elisabeth, die Älteste (34), gelernte Krankenschwester, arbeitet als Sachbearbeiterin in einer Kommunalverwaltung in Freiberg, Christiane (32) ist Lehrerin in Bielefeld, Michael (29) Elektroingenieur in Dresden, Damaris (26) studiert Medizin in Wien und Titus (21) Maschinenbau in Mittweida.

Auch für die spätere Zukunft haben Gabriele Urban und ihr Mann schon konkrete Vorstellungen. 2010 erwarben sie ein Grundstück in Taubenheim. Ihre älteste Tochter wohnt jetzt dort mit ihrer Familie. Gemeinsam wird das Haus saniert. Ihren Ruhestand will die Fachärztin hier mal in Taubenheim verbringen.

Es ist auffallend, mit welcher Lebenslust und Aufgeschlossenheit Gabriele Urban ihren Alltag meistert und sich auch für Freizeitinteressen begeistert. Schon etliche Länder hat sie im Urlaub mit ihrem Mann bereist, mit dem Zelt. „Ich liebe es draußen in der Natur zu sein“, sagt sie. Auch Peru, Kanada oder Chile möchte sie mal kennenlernen. Sie fährt Langlauf-Ski, isst gern Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl, freut sich an ihrem Garten am Pfarrhaus mit den Blumen, baut dort auch Gemüse an, hat Zwerghühner, Kaninchen, eine Katze und zwei Aquarien mit Welsen, Saugschmerlen und weiteren Zierfischen. Den Posaunenchor in der Kirchgemeinde Ottendorf-Okrilla leitet sie auch. „Man muss schon gut alles koordinieren“, sagt sie, zumal der Schichtdienst im Krankenhaus anstrengend sei.

Sie schätzt das Dorfleben. „Es bietet eine Menge an Lebensqualität, die Menschen halten zusammen“, meint sie. Die Abschiedsworte von Dr. Merkel seien auch ihr Leitmotiv. Der Taubenheimer Arzt bemerkte: „Vertrauen ist wohl das Wichtigste, was man als Arzt braucht, und wenn es einem entgegengebracht wird, dann ist das ein beglückendes Gefühl, das auch in schweren Zeiten trägt.“

Text und Fotos: Dieter Hanke, 23.03.2017