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Kirchweg nach Röhrsdorf eingeweiht

Für Einwohner und Touristen entstand ein schöner Rundweg

Das symbolische Band wird zur Wiedereröffnung des alten Kirchweges an der Gemarkungsgrenze von Klipphausen zu Röhrsdorf zerschnitten. Links Beigeordneter Dieter Schneider, rechts Pfarrer Christoph Rechenberg.Klipphausen hat eine neue Attraktion: Der alte Kirchweg nach Röhrsdorf durch die Felder und Wiesen wurde jetzt wiedereröffnet. Weit über 100 Familien und Bürger aus der Gemeinde, aber auch zahlreiche Ausflügler aus Dresden und Umgebung spazierten zur Einweihung am Sonntag, den 16. Oktober, vom Schloss Klipphausen zur Kirche in Röhrsdorf,  wo mit einer Andacht und einer Kaffeerunde dieses Ereignis gefeiert wurde. Die Teilnehmer, darunter auch Eltern mit Kinderwagen oder mit ihren Sprösslingen auf den Schultern, hatten auf dieser zwei Kilometer langen Strecke wunderschöne Ausblicke auf die Umgebung - auf Hügel und Täler, auf Bäume, Sträucher und grüne Saaten.

„Ich freue mich sehr, dass es jetzt diesen Weg wieder gibt.  Schon mit meinen Eltern bin ich früher als Kind dort durch die Getreidefelder gewandert. Ich habe viele schöne Erinnerungen daran. Zum Beispiel auch, dass mein  großer Bruder dort einst mit dem heutigen Ehrenbürger von Klipphausen, dem Schriftsteller Wulf Kirsten, Hamster auf den Feldern ausgegraben hat“, sagte Annelies Fleischer. Für die 75-jährige Klipphausenerin  und für viele weitere Bürger dieses Ortes  und auch von  Röhrsdorf ging mit der Wiedereröffnung ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, der Heimatgeschichte, Kultur und Naturerlebnisse wieder lebendig macht und ins Blickfeld rückt.

Seit Jahrzehnten hatte es diese kürzeste Verbindung vom Schloss Klipphausen zur Kirche  nach Röhrsdorf nicht mehr gegeben.  Ein Teil des Weges war in den 70er Jahren von der Landwirtschaft umgeackert worden.  Damit  gab es nur noch eine einseitige Verbindung von Klipphausen über die Neudeckmühle nach Röhrsdorf und so auch zurück. „Der frühere Rundweg war damit auch entfallen, die Strecke nun länger“, sagte der Röhrsdorfer Pfarrer Christoph Rechenberg.

Seit Jahrhunderten  hatte der alte Kirchweg bestanden. Die adlige Patronatsherrschaft mit ihrem Sitz im Schloss Klipphausen ließ noch vor der Reformation im 16. Jahrhundert  diesen direkten Weg durch die Felder anlegen, da das Gotteshaus, die heutige St. Bartholomäus-Kirche, in Röhrsdorf stand.  Ältere Klipphausener wissen, dass noch bis 1945 die Prinzessinnen Gertrud und Anna  von der Patronatsherrschaft der Familie Reuß im Schloss diesen Weg mit der Kutsche nach Röhrsdorf nahmen. Auch viele weitere Kirchgänger und andere Bürger nutzten rege diese Verbindung. 

„Wir wollten diesen Weg in die Gegenwart zurückholen, denn er steht für Geschichte, Traditionen und die Schönheit der linkselbischen Täler“, sagte Klipphausens Beigeordneter Dieter Schneider. Zugleich wolle die Gemeinde damit neue Akzente für den Tourismus setzen. Etwa 10 000 Euro hat sie dafür ausgegeben. Ein etwa 900 Meter langes Teilstück durch die Felder musste neu für die Wegführung vermessen werden. Der Bauhof legte auf der zugeackerten Fläche den alten neuen Weg an, säte Gras, baute auch dort mehrere geschotterte Übergänge für die Landwirte, die hier ihre Felder bewirtschaften.  Mit den betreffenden  Grundstückseigentümern und Bauern hatte die Gemeinde ein Übereinkommen erzielt. Denn die Fläche des Weges ist in kommunalem Besitz. Mit der Bodenreform wurden 1948 Grenzsteine auf Klipphausener Flur gesetzt. „Aber schon in früheren Karten war der alte Kirchweg eingezeichnet“, wie Wolf-Günther Koch, ein Wanderfreund aus Dresden und Teilnehmer zur Einweihung, bemerkte. Insgesamt beläuft sich  nun der Rundweg  von Klipphausen nach Röhrsdorf und zurück über die Neudeckmühle oder auch umgekehrt etwa fünf  Kilometer.

Über 100 Wanderlustige waren auf dem alten Kirchweg unterwegs. Einige machen Rast auf einer Bank.                                                                                                                                                                                                                                     Die Wiedereröffnung des Weges an jenem Oktober-Sonntag war auch in anderer Hinsicht ein kulturelles Erlebnis. Am Schloss in Klipphausen und auch zur Andacht in der Röhrsdorfer Kirche spielte der Posaunenchor der Kirchgemeinde Stücke, die thematisch diesem Anlass entsprachen.  Feierlich wurde an der Gemarkungsgrenze von Klipphausen zu Röhrsdorf das symbolische Band zur Einweihung des Weges durchschnitten. Pfarrer Christoph Rechenberg hatte in seiner Ansprache am Schloss Klipphausen und dann auch zur Andacht in der Kirche geschichtliches Wissen und Zusammenhänge verdeutlicht und auch die Bedeutung dieses neuen alten Kirchweges für die Menschen hervorgehoben.  „Es ist ein Weg, der Menschen und Orte verbindet, ein Weg, der zu einem Ziel im Leben führt, der zu allen Jahreszeiten begangen wird, zum Nachdenken anregt und das Miteinander ausprägt“, sagte er zur Andacht.

Die St. Bartholomäus-Kirchgemeinde Röhrsdorf hatte sich schon in vergangenen Jahren engagiert für die Wiedereröffnung des Weges eingesetzt und zusammen  mit der Gemeindeverwaltung und dem Ortschaftsrat Klipphausen dieses Vorhaben unterstützt. So wurden zum Beispiel auch vor einiger Zeit 45 neue Birnbäume an einem Teilstück des Weges gepflanzt.  Die Kirchgemeinde wird zusammen mit der Gemeinde weitere Anpflanzungen auf ihren Flächen am Weg, die zum Kirchlehn gehören, vornehmen.  Auch der Bio-Hof in Podemus, der ebenfalls Flächen in diesem Gebiet besitzt,  ist bereit,  dort künftig  Bäume und Sträucher anpflanzen zu lassen.

Zur  Wiedereröffnung des Weges war auch Urda Kirsten, die Schwester des Klipphausener Ehrenbürgers und bedeutenden Gegenwartsautors in Deutschland, Wulf Kirsten, mit dabei. „Ich freue mich sehr darüber“, sagte sie.  Die Malerin, die 1938 in Klipphausen  geboren wurde und heute in Dresden lebt, hat zum Beispiel auch das Aquarell „Kornfeld gepuppt“ gemalt, das an die Landschaft des alten Kirchweges erinnert.  Dieses Bild ist jetzt auch in ihrer neuen Ausstellung im Leibniz-Institut für  Festkörper- und Werkstoffforschung in Dresden zu sehen.

Ihr Bruder Wulf konnte  aus gesundheitlichen Gründen nicht an der  Wiedereröffnung teilnehmen. In Gedichten  wie „das haus im acker“ und „telegrafenmasten“ hatte der gebürtige Klipphausener den alten Kirchweg bekannt gemacht. In einem Grußwort zur Wiedereröffnung schrieb Wulf Kirsten, der in Thüringen lebt, unter anderem: „Für mich bildet der Kirchweg eine Fülle von kindheitsbestimmenden und bis zum Lebensende prägenden Erinnerungen. Bis zur genau fixierten Ortsgrenze die vergrasten Raine mit Birn- und Apfelbäumen bestückt. Da wußte man genau, wo der Große Alexander, wo der Jakob LebeI, wo die Landsberger-, wo die Baumanns-, wo die Gelbe Renette standen. Weniger geschätzt der Rote Eiser. Nicht zu vergessen die reichlich hängenden Edeläpfel. Aber ehe ich mich pomologisch verliere, sehe ich mich in Holzpantoffeln über ein Stoppelfeld der Röhrsdorfer Flur mit anderen Jungen rennen, wo bei einem Gewitter ein Flugzeug abgestürzt, in die Hochspannungsleitung geraten und explodiert war, was für uns Jungen die Möglichkeit bot, Plexiglassplitter zu sammeln. Zu sehen war, wie die Reste des blutjungen Piloten aus Kamenz mit Steingabeln aufgesammelt wurden. War das 1943 oder bereits 1944, ich weiß es nicht mehr… Herbstens zogen wir Dorfjungen in Rotte aus, um auf schier endlosen Weizenflächen nach der Ernte Hamster auszugraben. Hielt ein Vorwitziger einen Finger in den Bau, zeigte sich der Bewohner und biß schnell zu. In einem Mäusejahr stolperten wir hinter dem Pflug her und halfen Mäuse dezimieren; einen Steinskorb in der Hand, um Kartoffeln nachzulesen. An so manchem Feldrand gehockt inmitten einer Schar Gleichgesinnter, die zum Teil von weit her kamen und mit Spannung warteten, bis der Bauer das Feld freigab zum Ährenlesen oder Kartoffeln stoppeln…“

                                                                                                                                                                                                                                                              Fotos und Text: Dieter Hanke