^ Nach oben

Neuanfang in Ullendorf

Über Bauer Hermann Schmick, der vor 25 Jahren aus dem Westen in das Meißner Land kam                                                                                                                                                             Herbstarbeiten stehen noch an. Bauer Hermann Schmick  muss noch die Zuckerrüben ernten, auf 41 Hektar vor Naustadt. 

Auch der Körnermais muss noch unter Dach und Fach.  52 Hektar sind es auf Helbigsdorfer Flächen. In der Mehrzweckhalle  auf seinem Hof Buschberg in Ullendorf  lagern noch große Säcke mit Saatgut. „Es ist Winterweizen, der kommt noch in den Boden“, sagt der Landwirt.  In der Werkstatt steht auch ein Quad mit einem Streuer als Aufsatz.  „Da ist Schneckenkorn drin“, sagt er. An den jungen Rapspflanzen würden sich die Schnecken gütlich tun. Da müsse er dagegen was tun.Hermann Schmick auf  seinem Hof Buschberg in Ullendorf.

Auf seinem Hof, etwa ein Hektar groß, schräg gegenüber vom Humuswerk Otto, sieht es picobello aus. Gar nicht den landläufigen Vorstellungen  entsprechend  von einem Bauernhof, wo oft vieles so einfach herumliegt. Bei Bauer Schmick muss alles seine Ordnung haben.  Scheibenegge, Grubber, Hänger, Traktor  und andere Geräte und Fahrzeuge sind akkurat abgestellt. Grünflächen,  Bäume und Sträucher verschönern das Areal. Eine Überdachung mit rustikalen Holzmöbeln und auch  ein Grillplatz schaffen Gemütlichkeit.  Es gibt auch ein Baumhaus für Kinder. Der junge Hofhund hat einen soliden Zwinger. Wäre nicht die große Lagerhalle mit den zwei Silos  für Getreide und Raps direkt am Wohnhaus mit der roten Klinkerfassade,  könnte das Gehöft auch als  Ferienpension auf dem Lande durchgehen.  Am Gebäude ein großes  Bild. „Landwirt, der wichtigste Beruf auf der Erde“ steht darauf.

Gegenüber vom Hauseingang  prangt ein großer Aufsteller, darunter zwei riesige Futterrüben und zwei Möhren.  Die Zahl 60 ist groß auf dem Aufsteller aufgemalt, darunter kleiner die Zahl 25.   Marlene Schmick lacht. „Das haben uns Nachbarn in der Nacht gebracht. Eine tolle Überraschung“, sagt sie.  Die „60“ stehe für den runden Geburtstag ihres Mannes  vor einigen Tagen, die „25“ für das Jubiläum ihres landwirtschaftlichen Betriebes.  Die zwei Futterrüben verkörpern symbolisch sie als Ehepaar, die kleineren Möhren ihre zwei Söhne  Christian (20)  und Moritz (15). Mit einem Gläschen hätten sie schon in der Geburtstagsnacht mit den Nachbarn auf die zwei Jubiläen angestoßen, ehe es dann die folgenden zwei Tage so richtig turbulent wurde:  Verwandte, Freunde und Bekannten gratulierten, im Groitzscher Hof feierten über 150 Leute – Familienangehörige, Geschäftspartner, Verpächter, Studienkollegen,  Beschäftigte, Einwohner – mit den Schmicks bei einem Erntefest. Schon vorher, bei einer Dankandacht zu den zwei Jubiläen, war die Naustädter Kirche,  nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt.

„Hermann Schmick ist einer von uns“, sagt der Röhrsdorfer Pfarrer Christoph Rechenberg. Deshalb seien zu seinen Jubiläen so viele gekommen. Wäre nicht das rollende R in seiner Aussprache, könnte er glatt ein Sachse sein. Hermann Schmick stammt aber aus  Unglinghausen, ein Ort mit etwa 1000 Einwohnern im Siegerland in Nordrhein-Westfalen, eine Mittelgebirgslandschaft, wo es viel Wald gibt und es etwa 100 Kilometer bis Dortmund sind.  Seine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft,  mit 14 Kühen, etlichen Schweinen und 50 Hühnern. Angebaut wurde Getreide.  Hermann Schmick lernte in der evangelischen Volksschule in Unlinghausen, machte dann eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann  bei einer bäuerlichen Genossenschaft  und erwarb 1976/77 die Fachhochschulreife an der Fachoberschule  Letmathe.  Danach studierte er bis 1980 Landbau an der Fachhochschule Soest.  Seinen Weg in der Landwirtschaft ging Hermann Schmick dann weiter. Er war Verwalter auf einem Milchviehbetrieb im Oberbergischen Land  und von 1985 bis 1990  Beamter bei der Landwirtschaftskammer Rheinland.

Blick auf Lagerhalle und GetreidesilosDas Wohnhaus (rechts), links ist die Mehrzweckhalle angebaut.                                                                                                                                                                                                                                   Doch sollte es das beruflich schon gewesen sein? Jeden Tag 16 Uhr nach Hause zu gehen?  Der Unglinghausener hatte andere Vorstellungen von seinem Leben, wollte  wieder praktisch in der Landwirtschaft arbeiten.  So schaute er sich 1989 auf einer Rinderfarm in Afrika um, eine Verwalterstelle war dort frei. Doch dann kam die politische Wende in der DDR. „Man hat sicher nur einmal eine große Chance im Leben. Die sollte man nutzen“, bemerkt der 60-Jährige.  Einen eigenen Bauernhof zu haben,  Feldfrüchte anzubauen, eng mit der Natur zu leben und selbst entscheiden und seine Zukunft  gestalten. „Das ist es für mich“, sagt er.

Ein Beraterkollege  hatte Kontakt zu einem Landeigentümer im Kreis  Meißen.  Sie fuhren dorthin, um mal zu gucken.  Doch dabei blieb es nicht.   Hermann Schmick  siedelte als 34-Jähriger in den Osten um.   Gemeinsam mit der Familie  Stelzmann aus dem Rheinland bauten sie ihre Landwirtschaftsbetriebe in Sachsen auf,  er in Ullendorf, sein Partner in Weitzschen.

Wenn heute Hermann Schmick auf die vergangenen 25 Jahre zurückblickt, sagt er: „Ich würde es wieder so machen.“ Er könnte einen Roman schreiben. Von den Gesprächen als „Neuer“  mit den einheimischen Bauern, von ihrer Skepsis, von den ersten Pachtverträgen  mit Eigentümern aus der Region, die im Gemeindesaal der Kirchgemeinde Naustadt geschlossen wurden. Am 1. März 1991 gründete Hermann Schmick seinen Marktfruchtbetrieb. „Ich wollte mit meiner Arbeit  und meinem Auftreten beweisen, dass ich nicht ein Wessi bin, der die Leute über den Tisch zieht, der Land  zur Spekulation erwirbt und in der Landwirtschaft alles besser weiß als die Einheimischen.“

Der Ullendorfer Neubürger Schmick richtete sich ein.  Sein Enthusiasmus  ließ Widrigkeiten in den Hintergrund treten.  Sein erstes Telefon  war ein Portable, so groß wie ein halber Aktenkoffer.  Sein erstes Zimmer hatte er bei Gerda Jorschick in Bockwen, wo er auch den Umgang mit einem Badeofen lernte, wo er schmunzelte, als ihm diese morgens Heiratsanzeigen offerierte und sagte: „Wäre das nicht was für Sie?“

Hermann Schmick legte los.   Der gesamte Maschinen- und Fuhrpark musste neu angeschafft werden.  Er kaufte von der Treuhand den ehemaligen Vierseithof Schlechte in Ullendorf, einen 33-Hektar-Betrieb.  Auch privat ließ es sich gut an.  Seine   Freundin Marlene kam Ende 1991 aus dem Rheinland nach Dresden, arbeitete dort bei einer Krankenkasse.  Zuvor hatte  sie schon einige Monate Aufbauhilfe in Leipzig geleistet.

Die jungen Leute stellten auf dem Hof vier Container auf – für Wohnung und Büro.  Es ging voran. Anfang 1993 begann der Bau einer Getreidelagerhalle  mit angrenzendem Wohnteil, im Mai 1994 Hochzeit, im Sommer wurde die erste Ernte eingelagert. Sohn Christian kam im Juni 1996 zur Welt (Sohn  Moritz im Oktober 2000). Ende 1996 Umzug  auf Hof Buschberg, den Hermann Schmick auf Treuhandflächen  errichtet hatte.

„Es gab Höhen und Tiefen, schlechte Ernten durch missliches Wetter, es klappte auch nicht alles“, sagt der Neu-Ullendorfer.  So war er zum Beispiel 1993 Partner bei der  Übernahme eines Kuhstalls in Grumbach. Doch die Rentabilität  der Milchviehhaltung mit den 200 Kühen wurde in der Folgezeit immer schwieriger, so dass die Produktion letztlich 1996 eingestellt wurde.

„Aber wir waren beharrlich. Einwohner halfen uns auch“, bemerkt Hermann Schmick. Seine Frau war bald von der Krankenkasse in den eigenen Landwirtschaftsbetrieb gewechselt, kümmerte sich um Buchhaltung und um den Alltag im Hof.  „Eine starke Frau an der Seite ihres Mannes“, hatte Pfarrer Rechenberg zur Dankandacht bemerkt.

Etwa 200 Hektar bewirtschaftete Hermann Schmick in den ersten Jahren, heute  sind es 570 Hektar Ackerland und 15 Hektar Grünland in Ullendorf, Naustadt und umliegenden Orten.  Ein Teil der Flächen gehört ihm, andere hat er gepachtet.  Hauptsächlich Getreide wird angebaut,  besonders Winterweizen.  Raps, Zuckerrüben und  Körnermais sind weitere Kulturen.  Dieses Jahr seien die Erträge  bei Gerste und Weizen  gut gewesen, bei Raps dagegen nicht, sagt Hermann Schmick. „Doch das den Bauern angeborene Jammern nützt nichts. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Zurzeit haben wir die niedrigsten Getreidepreise seit sechs Jahren. Das schmälert das Betriebsergebnis  bei ansteigenden Kosten erheblich“, so der Landwirt.  Doch sein Betrieb würde wirtschaftlich solide dastehen.   Schmicks  haben es geschafft. Auch ihre Landwirtschaftstechnik ist modern. Jetzt legt sich Bauer Schmick noch einen neuen Mähdrescher von Claas zu. Kosten: mehrere Hunderttausende Euro.

Bürgermeister Gerold Mann (rechts) gratuliert dem Jubilar. Ein  Claas-Mähdrescher bei einer Proberunde auf einem Feld von Hermann Schmick.  Dieser wird sich jetzt  eine solche supermoderne Maschine zulegen.  Foto: privat                                                                                                                                                                                                                           Großen Beifall  erhielt da der 60-jährige Jubilar auch für seine Worte zum Erntefest im Groitzscher Hof. Da sagte er unter anderem: „Der Mut, die geordneten Lebensverhältnisse in den alten Bundesländern aufzugeben  - wie zum Beispiel schönen Wohnraum oder zwei Beamtenanstellungen auf Lebenszeit – und sich auf ein völlig neues, unbekanntes und ungewisses Leben in Sachsen einzustellen, wurde belohnt.  Dies haben wir auch unseren Familien zu verdanken. Insbesondere die beiden Opas haben nach besten Kräften  beim Aufbau Ost geholfen. Aber auch Freunde wie zum Beispiel die Soester Studienkollegen  waren mit Rat und Tat zur Seite, ebenso wie unser Freund Theo Boss, der immer gerne aus Unglinghausen nach Sachsen kam und nicht eher wieder fuhr, bis sein begonnenes Werk vollendet war.“   Ausdrücklich sagte der Landwirt  auch Dank an seine Mitarbeiter im Betrieb, die ihn in den letzten 25 Jahren ein Stück begleitet haben oder es noch tun.  

Bürgermeister Gerold Mann weiß, warum  Schmicks so angesehen sind in  der Gemeinde.  „Die Familie bringt sich ein, denkt auch an das Gemeinwohl, ist engagiert im eigenen Betrieb und auch in gesellschaftlichen Gremien.“

Hermann Schmick, der in seiner Freizeit gern Badminton spielt und sich auch vorgenommen hat, etliche Kilo abzuspecken, war mehrere Jahre Gemeinderat in Taubenheim. Er gehört dem Vorstand der Kirchgemeinde Röhrsdorf an und ist Mitglied in weiteren  Gremien im Kirchenbezirk Meißen-Großenhain. Auch kümmert er sich mit um das Flurneuordnungsverfahren in Sora und ist in der Jagdgenossenschaft Scharfenberg aktiv.  Seine Frau wirkt im Förderverein  der Grundschule Naustadt mit.

Hermann Schmicks Wort hat Gewicht. Offenheit und  Sachlichkeit  schätzt er und überzeugende Argumente.  Bei brisanten Themen kneift er nicht.  „Der marode Gasthof in Taubenheim müsste abgerissen werden, um Platz für Bushaltestelle und Grünanlage zu schaffen“, sagt er zum Beispiel. Einerseits freut er sich auch, wenn eine neue Oberschule in  der Gemeinde  gebaut werden soll. Andererseits tut es ihm weh, wenn dafür wieder fruchtbares Ackerland benötigt wird.  Der alte Zick-Komplex in Taubenheim wäre nach seiner Ansicht deshalb hier ein  besserer Standort. Auch beim Thema Pflanzenschutz und Düngemittel hält er nicht hinterm Berg: „Da müssen von den Landwirten exakt die Vorschriften eingehalten werden.“ Vor einigen Jahren nahm Hermann Schmick auch Abstand von einem ursprünglichen Projekt. Er wollte  eine Schweinemastanlage für knapp 2000 Tiere errichten.  „Die Akzeptanz bei den Bürgern wäre da aber nicht gegeben“, sagt er.  

Marlene und Hermann Schmick sind stolz, dass ihre beiden Söhne ihren Weg gehen.  Der 20-jährige Christian  wird wohl mal den Hof des Vaters übernehmen. Er hat in diesem Jahr an der Fachschule in Hannover erfolgreich seine Prüfung als staatlich geprüfter Wirtschafter für die Landwirtschaft abgelegt.  Jetzt ist er im Praxisjahr in einem Ackerbaubetrieb bei Hannover und geht danach weiter zur Schule.  Moritz (15) lernt noch im Gymnasium Nossen und möchte mal  Schauspieler werden.  „Unsere Eltern sind uns Vorbild“, sagen Christian und Moritz.  Sie haben Großes geleistet. Wenn sie zurückblicken, meinen sie, dass ihr Vater  mit ihnen nicht so streng ins Gericht gegangen sei, wenn sie mal Mist gebaut hätten.  „Ich rannte mal eine Glasscheibe in einer Tür ein.  Da war mir schon bange“, sagt Moritz. Doch das große Donnerwetter wäre ausgeblieben. „Ich musste nur von meinem Taschengeld den Schaden bezahlen.  Auch Sohn Christian  wäre erleichtert gewesen, als es mal Ärger in der Schule gab und seine Eltern ihm ruhig sein Fehlverhalten erläutert hätten.  

Sicher denkt da Vater Schmick auch an seine eigene Kindheit.  „Ein Junge und ich waren mal mit dem Traktor gefahren. Wir krachten aber eine Böschung hinab, der Traktor kippte seitwärts um. Da hatten wir großes Glück, dass wir unverletzt blieben“, erinnert sich Hermann Schmick.

In der Werkstatt: Saatgut in Säcken, rechts ein Quad mit einem Streueraufsatz.Der Taufstein von 1596 in der Naustädter Kirche soll restauriert werden.   Gratulanten bei den Jubiläen von Hermann Schmick geben statt Präsente Geld  für die Restaurierung.                                                                                                                                                                                                                                              Leute, die den Jubilar  kennen, schätzen ihn.  Landwirt Andreas Partzsch (60) aus Röhrsdorf: „Wir sind zwar als Landwirtschaftsbetriebe Konkurrenten. Doch als Flurnachbarn helfen wir einander.“  Theo Boss (81), Handwerker aus Unglinghausen:  „Er war bei den Leuten willkommen, hat eine große Leistung vollbracht.“ Gerold Hanschmann (52), Feuerwehrchef in Taubenheim und Tischlermeister in Ullendorf: „Ein aufgeweckter, unternehmungsfreudiger Mensch. Er unterstützt auch Einwohner und die Gemeinde mit Technik.“  Dieter Schreiber (54), Agrotechniker im Landwirtschaftsbetrieb Stelzmann in Weitzschen: „Stets zuverlässig, und er kann zuhören.“ Lothar Schumann (62) aus Deutschenbora, Landmaschinen-Händler: „Ein fairer Partner.“ Peter Rüttger (63) aus Düsseldorf, in der EDV tätig und einst Studienkamerad von Hermann Schmick: „Er konnte gut organisieren.“ Antje Kämpfer (61) aus Unglinghausen, Angestellte: „Unternehmungslustig, wir hatten eine schöne Zeit bei der Landjugend im Siegerland.“

Text und Fotos Dieter Hanke