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Er kann nicht loslassen

Für Landwirtschaft, Bürgerwohl und Seniorenbetreuung hat der 82-jährige Bockwener Günter Sternberg vieles bewirkt.

Die Kartoffelernte wäre gut gewesen. „Ordentliche Erträge“, sagt Günter Sternberg. Die Sorten „Adretta“ und „Gala“ habe er in seinem Garten  angebaut. Auch bei Bohnen und Tomaten könne er 2017 zufrieden sein, ebenso mit der Ernte von Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren. Nur beim Kohlgemüse hätte es Ausfälle gegeben. „Schnecken und Läuse haben sich hier gütlich getan“, bemerkt der 82-jährige Bockwener. In diesen Tagen freut er sich über die schöne Laubfärbung der Sträucher und Bäume in seinem Grundstück am Harthsgrund 14.  „Auch die Dahlien  blühen prächtig.“ Sein Blick schweift über die Felder, die am Haus angrenzen. Unweit davon ist der Hang zur Elbe zu. „Unsere Landschaft in den linkselbischen Tälern ist wunderbar“, sagt er. Seit 1961 wohnt er in Bockwen.

Günter Sternberg in der Veranda in seinem Haus in Bockwen, wo er sich gerade auf die nächste Fahrt für die Seniorenbetreuung vorbereitet.

Günter Sternberg hat Freude am Leben. „Die Knie schmerzen schon mitunter. Manches geht auch nicht mehr so schnell von der Hand wie früher. Doch mein Credo ist, optimistisch zu sein und das Beste aus allem zu machen“, sagt er. So ist Günter Sternberg nicht nur im Einklang mit der Natur, sondern nimmt auch noch regen Anteil an der Gemeinde und dem Miteinander der Bürger. „Sich einzubringen, Verantwortung zu tragen und nach Lösungen zu suchen, wenn mal was nicht klappt, ist meine Lebensdevise“, meint der engagierte Bockwener.

Schon seit den frühen 90er Jahren kümmert sich Günter Sternberg um die Seniorenbetreuung in der Gemeinde. Zuerst zusammen mit dem ehemaligen Landwirt Erich Sommer, später trug er viele Jahre als Vorsitzender die Hauptverantwortung. 2015 gab er die Leitung an Renate Walter und Gudrun Paul ab. Doch nicht ganz. Denn nach wie vor kümmert sich Günter Sternberg vor allem um die Senioren in seinem Bereich. „Im Oktober starteten wir in den herbstlichen Tharandter Wald, besuchten auch den Räucherkerzenhersteller Knox in Mohorn-Grund“, sagt er. Wieder akribisch hat sich Günter Sternberg auf diese Fahrt vorbereitet. Denn als Reiseleiter vermittelt er unterwegs seinen  Busgästen Wissenswertes. Insgesamt waren im Oktober sechs Busse im Einsatz. Ältere Bürger aus den Orten der Gemeinde, aber auch aus Meißen und Umgebung waren da mit von der Partie und hatten viel Freude und Abwechslung. „Es sind  etwa 300 Senioren, die von uns betreut werden“, bemerkt Sternberg. Warum er das mache und viele Stunden dafür aufwende, warum er zusammen mit seiner Frau Dorothea dafür Einladungen schreibe, Kassierung und Abrechnung vornehme und noch vieles andere mehr, sagt er geradeheraus: „Ich möchte, dass die Älteren in den Dörfern nicht allein gelassen werden, dass sie im Alter noch einbezogen werden, unsere Heimat und andere Gegenden Deutschlands kennenlernen und auf Fahrten und Veranstaltungen miteinander ins Gespräch kommen, Geselligkeit und Kultur haben.“ So erkundeten zum Beispiel im August/September Senioren die Fränkische Schweiz, und es ging auch zur Landesgartenschau nach Apolda.   „Ich bin der gleichen Ansicht wie viele der anderen älteren Bürger, dass wir durch die Seniorenbetreuung den Zusammenhalt und das Miteinander der Menschen vertiefen“, bemerkt der Bockwener und freut sich, dass die Gemeindeverwaltung dabei aktive Unterstützung gibt. Im Januar würden wieder über 30 ehrenamtliche Helfer der Seniorenbetreuung aus den Orten Gäste einer Dankeschön-Veranstaltung des Bürgermeisters sein. 

Auch Vorsitzender des Dorfclubs

Doch Günter Sternbergs Wirken hat noch andere Facetten. Nach der Wende bis 2009 war er Vorsitzender des Dorfclubs in Bockwen, organisierte  mit weiteren aktiven Bürgern u. a. Dorffeste. Auch für zahlreiche Skatturniere in Bockwen hatte er den Hut auf. „Skat ist ein schönes Spiel“, sagt er. Noch heute trifft er sich aller 14 Tage mit Skatfreunden zu einer zünftigen Runde in der Bahnhofsgaststätte Ziegenhain.

Günter Sternberg fühlt sich wohl in Bockwen. „Wir haben gute Nachbarn. Es ist ein sehenswertes Dorf. Viele Einwohner haben ihre Häuser schmuck gemacht“, sagt er. Doch er verschweigt auch nicht die Schattenseiten. „Wie in anderen Dörfern auch fehlt heute in Bockwen eine Einkaufsstätte, gibt es auch keine Gaststätte und keine Post mehr, keinen Bankautomaten. Der ländliche Raum wurde von der Landesregierung vergessen. Die Politik vom Bund ging an den Interessen dieser Menschen vorbei. Da muss sich im Alltag was tun, denn die Unzufriedenheit vieler Bürger wächst“, ist seine Ansicht.

Freuen tut es ihn, dass nach der Wende landwirtschaftliche Neueinrichter aus dem Westen den Boden in der Umgebung nicht als Spekulation betrachteten, sondern sich im Leben der Gemeinschaft einbrachten und mit Leistungen aufwarteten. „Das überzeugt“, sagt er. Es sind für Günter Sternberg glückliche Momente, wenn er heutzutage da mal auf einem Traktor oder Mähdrescher der Hightech-Generation mitfahren kann. „Das sind super Fahrzeuge.“ Für die Landwirtschaft seien das neue Dimensionen.

Günter Sternberg kann das wohl einschätzen, denn in seinem Berufsleben war er mit der Landwirtschaft eng verbunden. 1934 wurde er in Mecklenburg geboren, in Jarmen an der Peene. Er besuchte die Grundschule und arbeitete dann zwei Jahre beim Vater im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb. „Rüben verziehen oder Kartoffeln legen waren nicht so mein Ding, eher schon mit dem Traktor fahren“, sagt er.  Er arbeitete ab 1952 als Traktorist bei der Maschinen-Ausleih-Station (MAS), später als Leiter der Jugendbrigade im Traktoren-Stützpunkt in Jarmen und machte dort auch seinen Abschluss als Feldbaumeister. 1958 wurde er nach Dresden-Pillnitz zum Landwirtschaftszentrum delegiert, wo er bis 1961 studierte und den Abschluss als staatlich geprüfter Landwirt erwarb.

Dann verschlug es ihn nach Bockwen in die LPG „Freie Erde“, wo er bis 1964 hauptsächlich für den Pflanzenbau verantwortlich zeichnete. Seine nächste berufliche Station war die LPG in Garsebach. Hier arbeitete er als Agronom bis Ende 1975, ehe er dann in die Abteilung Landwirtschaft des Rates des Kreises Meißen wechselte und dort für den Pflanzenbau zuständig war, zuletzt noch mehrere Jahre bis 1991 als Abteilungsleiter in dieser Behörde. Bis 1995 arbeitete er dann noch bei einem Landwirtschaftstechnik-Handelsbetrieb bei Großenhain, ehe er in Rente ging. 

Würde wieder Agronom werden

Günter Sternberg: „Die Landwirtschaft ist mein Leben. Der Feldanbau im Wechsel der Jahreszeiten, zwischen der Natur und den agrotechnischen Terminen fasziniert mich, bringt jedes Mal neue Herausforderungen mit sich. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich wieder Agronom werden.“ Zu seinem beruflichen Leben, zu seine Zeit in der MAS, in der LPG und beim Rat des Kreises sagt er: „Das gehört zu meiner Biographie. Dazu stehe ich – mit allen Erfolgen, Schwierigkeiten, erfüllten und nicht erfüllten Erwartungen und Zielen. Ich denke, dass sich meine Lebensleistung sehen lassen kann.“

Dazu gehört auch, dass Günter Sternbergs Lebensabschnitte eng mit Bockwen und Umgebung  verbunden sind. Er lernte seine Frau Dorothea in Bockwen kennen, auch in der Gaststätte in Polenz tanzten sie gern. („Er kann gut führen“, sagt seine Frau, die beruflich in landwirtschaftlichen Einrichtungen in der Buchhaltung tätig war.) Im Oktober 1962 heirateten sie, der Polterabend war in Kühns Gut in Bockwen. Zur Goldenen Hochzeit 2012 gratulierten wieder viele Einwohner des Ortes. Drei Kinder - zwei Jungen und ein Mädchen – zogen Sternbergs groß, haben heute fünf Enkel und zwei Urenkel, bauten 1980/81 mit Unterstützung der LPG und Handwerkern des Ortes ihr Eigenheim am Harthsgrund. Auf einer 700 Quadratmeter großen Fläche neben dem Haus, die damals zur LPG gehörte, baute die Familie in ihrer Freizeit in zwei großen Folienzelten Tomaten und Gurken an und lieferte diese an den Handelsbetrieb Obst, Gemüse Speisekartoffeln. „Das war zu DDR-Zeiten eine gute Sache und besserte unsere Finanzen auf“, sagt Günter Sternberg rückblickend. Ab und zu ist er noch mit dem Fahrrad in den linkselbischen Tälern unterwegs, um Stätten seines Wirkens zu besichtigen. Und er freut sich auch, wenn er mit ehemaligen Bauern der Region über damals und heute in der Landwirtschaft fachsimpeln kann, so unter anderem mit Gottfried Leder, dem einstigen Vorsitzenden der LPG Striegnitz, oder mit  Lothar Fischer, zu DDR-Zeiten Vorsitzender der LPG Weistropp.

„Wir wünschen uns, dass wir gesund bleiben und miteinander noch schöne Lebensjahre haben“, sagt seine Frau. Was sie an ihrem Mann schätzte, als sie sich kennenlernten. „Seine Sprache als Mecklenburger und vor allem sein Ehrgeiz, seine Beharrlichkeit und seine Energie, eine Sache durchzusetzen, wenn er diese für richtig erkannt hat. Das ist noch heute so.“ Auch Bürgermeister Gerold Mann lobt die Tatkraft dieses Bockweners: „Solche Leute wie Günter Sternberg bringen unsere Gemeinde voran, fördern den Zusammenhalt der Menschen. Dafür ein großes Dankeschön.“ 

Text und Foto: Dieter Hanke, 24.10.2017