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Ein Leben für den „Groitzscher Hof“

Über Camilla Triller, die nach fast drei Jahrzehnten am Jahresende die Leitung dieser bekannten Landgaststätte abgibt

Am Silvesterabend steigt eine große Party. Nicht nur für die Gäste im „Groitzscher Hof“. Auch für Camilla Triller. Es ist ihr letzter Arbeitstag als Leiterin dieser Landgaststätte. Nach fast 30 Jahren tritt die 65-Jährige in die zweite Reihe. „Wenn ich gebraucht werde, helfe ich noch mit bei der Organisation oder ab und an als Servicekraft“, sagt die angehende Ruheständlerin. Doch den bevorstehenden Abschied schiebt Camilla Triller noch weit von sich. Denn der „Groitzscher Hof“ ist ihr Leben. Diese Gaststätte ist untrennbar mit ihr verbunden, nicht nur in ihrem Arbeitsalltag wochentags und sonntags. „Der ,Groitzscher Hof' ist mein Hobby“, bemerkt sie. Wenn sie dann aufhöre, müsse sie sich erst ihren neuen Lebensabschnitt erschließen. „Mit meinem Mann dann mal in der Dresdner Altstadt in einem Café zu sitzen oder eine Ausstellung zu besuchen, einen Einkaufsbummel zu machen, Mode und Schmuck anzuschauen“, könnte sie sich vorstellen. Oder auch mehr reisen.

Doch in den verbleibenden Monaten bis zum Berufs-Finale sind solche Gedanken noch in weiter Ferne. Da ist Camilla Triller schon froh, jetzt mal abends mit ihrem Mann im Garten ihres Hauses in Groitzsch zu verweilen, da ist sie zufrieden, wenn sie die Hausarbeit so einigermaßen geschafft hat. Und sie ist immer auf den Sprung. Der Groitzscher Hof ist nur wenige hundert Meter von ihrem Haus entfernt. Da schaut sie abends noch schnell mal nach dem Rechten, sitzt oft am Wochenende bis spät im Büro, um noch Abrechnungen, Dienstpläne und Bestellungen zu machen. Bei Veranstaltungen ist sie meist die Letzte, die nachts die Tür der Gaststätte zuschließt. Privates bleibt da oft auf der Strecke. Priorität hat der „Groitzscher Hof“. Da kommen auch ihr Sohn, der im Ruhrgebiet lebt, sowie die zwei Enkel, wie sie sagt, zu kurz weg.

Hochbetrieb an Wochenenden

Auch die vergangenen April-Wochenenden waren da für Camilla Triller turbulent. So wurde zum Jubiläum des Autohauses Leonhardt in Blankenstein für 500 Besucher Catering-Essen zubereitet und geliefert – spanische Küche mit dem Nationalgericht Paella oder Chili con Carne. Es gab etliche Geburtstags- und Jugendweihefeiern mit vielen Gästen. Ältere Semester feierten bei einem Klassentreffen im „Groitzscher Hof“, die Jagdgenossenschaft Burkhardswalde traf sich zu einer Versammlung, Kegler an der Bahn in der Gaststätte wollten „Alle Neune“ ordentlich begießen. Und auch mehrere Tagungen von Organisationen mit zahlreichen Teilnehmern fanden statt – so unter anderem vom Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverband oder vom BASF-Team Sachsen/Thüringen mit ihrem Feldtag am Versuchsstandort in Groitzsch. Da musste sich Camilla Triller mit ihrem zehnköpfigen Team von Köchen, Servicekräften und Fahrern sputen, um alles auf die Reihe zu bekommen.

Und wochentags ging ja der normale Betrieb weiter. Das Mittagessen für die Kinder der Burkhardswalder Grundschule und für die Mädchen und Jungen in den Kindertagesstätten Miltitz und Taubenheim galt es zu kochen, ebenso das Abo-Essen für Firmen und Einrichtungen sowie Privatpersonen von Meißen bis in den Nossener Raum, das mit Fahrzeugen ausgeliefert wird. Und auch für die ständigen Mittagsgäste in dieser Gaststätte, wie  Beschäftigte der Bäko oder von der Grasdorf-Räder GmbH sowie von weiteren Firmen aus dem Ort und der Umgebung, wollen die Mitarbeiter vom „Groitzscher Hof“ schmackhafte Kost bereiten. Insgesamt an die 600 Essensportionen werden täglich von ihnen gekocht.

„Auf die Wünsche der Gäste einzugehen, mit einer vielseitigen Gastronomie und schönen Feiern aufzuwarten - das hatte für mich immer Vorrang“, bemerkt Camilla Triller. Und wichtig sei da für sie auch, mit den Gästen im Gespräch zu sein und mit ansprechenden Dekorationen die Veranstaltungen auszugestalten.

Lob von der Gemeinde

Für den Klipphausener Bürgermeister Gerold Mann ist Camilla Triller eine Frau, die mit ihrer Tatkraft Akzente in der Gastronomie im ländlichen Raum setzte. „Der ,Groitzscher Hof' genießt weithin einen guten Ruf. Das ist in hohem Maße mit ein Verdienst von Camilla Triller. Und sie hat es verstanden, engagiert auf Veränderungen in der Gastronomie-Branche zu reagieren. Während nach der Wende vielerorts Gaststätten schlossen, behauptete sich der ,Groitzscher Hof'. Auch das gehört zu ihrem Lebenswerk.“ Und auch Dieter Schneider, langjähriger ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Triebischtal und jetziger Beigeordneter und Bauamtsleiter in der Gemeinde Klipphausen, findet lobende Worte über diese engagierte Frau. „Man kann es auch so sagen, der ,Groitzscher Hof' ist Camilla Triller. Bei ihr passte einfach alles.“

Reagiert auf neue Erfordernisse

Als in vergangenen Jahren in vielen Orten Besucher in den Gaststätten ausblieben und Leute verstärkt ihr Bier im Supermarkt holten, als Tanzveranstaltungen und Faschingsfeten in gastronomischen Einrichtungen nicht mehr so gefragt waren, reagierte Camilla Triller auf den Trend. Nicht wenige Bürger und Experten der gastronomischen Szene hatten da dem „Groitzscher Hof“ schon das Aus prophezeit. Denn mit ihren knapp 600 Plätzen, mit Saal (etwa 400 Plätze), Bauernstube, zwei Gesellschaftszimmern und Kegelbahn wäre diese Gaststätte im ländlichen Raum auch viel zu groß. Doch Camilla Trillers Konzept ging auf. Sie setzte auf Tagungen, Konferenzen, Workshops, Lehrgänge und Versammlungen von Verbänden und Organisationen, auf private Feiern von Bürgern, auch zu Schulabschlüssen und Hochzeiten, auf Tanz zu besonderen Anlässen, auf Kegler-Fans, auf Catering und spezielle gastronomische Erlebnisse sowie auf eine ausgewogene Speisekarte (Schnitzelgerichte müssen da unbedingt mit sein, so die Gaststätten-Chefin). „Damit sind wir gut gefahren. Die Angebote nahmen zu.  Unsere Einrichtung schreibt schwarze Zahlen“, bemerkt Camilla Triller. Schon für 2019/20 gibt es viele Bestellungen. Der Sächsische Bauernverband, der Kreisjagdverband, der Genossenschaftsverband Sachsen, das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie sowie weitere Verbände der Landwirtschaft, große Unternehmen wie die BASF, die Bäko, und auch kleinere Betriebe und Organisationen aus Sachsen nutzen heute die Räumlichkeiten vom „Groitzscher Hof“, der somit nicht nur im Meißner Raum eine gute Adresse für hohe Gastlichkeit ist.

Und die Chefin betont besonders: „Der ,Groitzscher Hof' hat auch eine Zukunft, weil der genossenschaftliche Gedanke stark ausgeprägt ist und es auch in Zeiten, wo es nicht so gut lief, Unterstützung gab.“ Diese Landgaststätte gehört zur Groitzscher Genossenschaft e. G., die noch eine Tankstelle, Waschanlage, Stroh-Ballen-Heizkraftwerk und Büroraumvermietung umfasst. Camilla Triller kennt da den Werdegang dieser Genossenschaft und so auch der gastronomischen Einrichtung ganz genau und hat ihn mitgeschrieben.

Mit Mähdrescher Baum gerammt

1953 wurde sie in einem kleinen Dorf am Rande des Spreewaldes geboren. Nach dem Zehn-Klassen-Abschluss lernte sie Sekretärin und studierte von 1973 bis 1977 an der Agraringenieurschule Bautzen, wo sie mit 24 Jahren Betriebswirtschaftlerin wurde. Im Erntesommer 1975 verschlug es sie in das Meißner Land. In einem Schnellkurs an der Agraringenieurschule hatte sie sich mit anderen Mädels die Theorie für das Fahren von Mähdrescher und Lkw angeeignet. Der damalige Vorsitzende der LPG (P) „Clara Zetkin“ in Burkhardswalde, Martin Scholz, brauchte Erntehelfer und hatte dafür bei den Studenten der Ingenieurschule nachgesucht.

„Die Praxis dann in Burkhardswalde war hart. Das erste Mal mit dem E-512 zu fahren, das Wenden mit dem Mähdrescher auf den Schlägen. Wir Studenten waren da unerfahren. Doch die Bauern waren freundlich, halfen uns, gaben Tipps“, sagt Camilla Triller. Selbst als sie mal mit dem Mähdrescher auf der Straße einen Baum rammte, weil sie die Bunkerschnecke nicht eingeklappt hatte, blieb das große Donnerwetter aus. Camilla Triller: „Wir waren als Erntehelfer auf einem Hof in Rothschönberg untergebracht. Da gab es auch Gelegenheit, Karl-Heinz, meinen späteren Mann, der in der LPG Schlosser für Landtechnik war, kennenzulernen.“  1977 heirateten sie, Camilla Triller zog aus dem Südbrandenburgischen nach Sachsen. Das junge Ehepaar hatte über die LPG eine Mietwohnung in einem Neubaublock in Ullendorf bekommen.  Zunächst kümmerte sich Camilla Triller um die Führung des Flächenbuches der LPG Burkhardswalde, später nach einem Lehrgang war sie dort auch viele Jahre als Sicherheitsinspektor tätig, wo sie auch für den Arbeitsschutz zuständig war. „Da gab es schon manchmal Hallo bei Mitgliedern, wenn diese vor dem Ausrücken der Fahrzeuge zur Alkoholkontrolle in das Röhrchen blasen mussten“, schmunzelt Camilla Triller.  Seit 1988 wohnt sie mit ihrer Familie in Groitzsch. Ab 1985 hatten sie dort ein Haus gebaut. 

Seit 1992 Gaststätten-Chefin

1988 baute die LPG ihre Großküche mit Betriebsgaststätte in Groitzsch. Camilla Triller kümmerte sich da mit um die ökonomischen Belange, half mitunter dort auch als Servicekraft aus. 1992 übernahm sie die Leitung der Gaststätte. Da war auch aus der LPG Pflanzenproduktion als ein Nachfolgeunternehmen die Agrargenossenschaft Burkhardswalde - unter anderem mit dem „Groitzscher Hof“ - hervorgegangen (vor knapp zwei Jahren umbenannt in Groitzscher Genossenschaft).

Camilla Triller weiß um Höhen und Tiefen in den Jahren nach der Wende. „Es war bitter, als ich zunächst einige Köche entlassen musste, da wir hier zu viel Personal hatten“, sagt sie. Sie steuerte mit den Übergang von der Betriebsgaststätte zu einer öffentlichen Einrichtung, den Weg von der einstigen täglichen Versorgung der LPG-Mitglieder und zur Erntezeit hin zu einem breiteren Gäste- und Kundenkreis. Sie freute sich noch in den 90er Jahren über ein gut besuchtes Haus zu Tanz- und Faschingsveranstaltungen und kümmerte sich um neue Aufgabenfelder unter anderem mit der Versorgung von Kindereinrichtungen, als es Umsatzeinbußen im traditionellen Gaststättengeschäft gab. Und auch für die zeitgemäße Ausstattung der Gaststätte hat sie sich stets eingesetzt. Der „Groitzscher Hof“ verfügt über moderne Küchentechnik, auch die einstigen Alukübel für die Auslieferung der Gerichte sind längst Edelstahlbehältern gewichen. 430 Portionen werden täglich ausgeliefert. Im Vorjahr wurde zum Beispiel auch der Fußboden in der Küche erneuert, eine computergesteuerte Kippbratpfanne „Vario Cooking Center“ kam hinzu, und auch die einst dunkle Saalwand zur Küche zu wurde unlängst hell gestaltet, was für die Gäste freundlicher wirkt.

Freude und Sorgen

Auch die Führung des Gaststätten-Teams in all den Jahren forderte die Chefin. „Der Kontakt, das Gespräch mit den Mitarbeitern ist da sehr wichtig. Jeder hat einen anderen Charakter, auf den man sich einstellen muss, um ein Team zu formen. Das hat manchmal schlaflose Nächte bereitet“, sagt sie. Und offen und engagiert zu sein, wenn man sich neuen Herausforderungen stellen muss, meint Camilla Triller. So zahlt der „Groitzscher Hof“ für die Mitarbeiter etwas mehr als den Mindestlohn. Es wird immer schwerer für die Einrichtung, zusätzliche Servicekräfte für Veranstaltungen zu bekommen. Die Chefin ärgert sich, wenn Eltern kein Verständnis dafür haben, wenn der „Groitzscher Hof“ seine Preise für das Mittagessen in Kindereinrichtungen geringfügig erhöhen muss, weil nicht nur die Tarife der Mitarbeiter, sondern auch die Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen angestiegen sind. Und sie schätzt auch selbstkritisch ein, dass sie mitunter zu gutmütig gegenüber Mitarbeitern und Gästen war und dann enttäuscht wurde, wenn Vertrauen, das sie ihnen entgegenbrachte, nicht entsprochen wurde. Andererseits freut sie sich, wenn andere Eltern dem „Groitzscher Hof“ Lob für ein gesundes und abwechslungsreiches Mittagessen für ihre Kinder zollen oder Gäste ihre Anerkennung über die liebevoll ausgestalteten Feiern zu privaten Anlässen aussprechen. „Wir kochen jeden Tag frisch, bei uns gibt es keine Fließbandarbeit wie in Großküchen“, sagt Camilla Triller und hebt hervor: „Ohne Fleiß kein Preis“. Mitarbeiter Dietmar Große (61), der seit 20 Jahren im „Groitzscher Hof“ als Koch arbeitet, sagt über seine Chefin: „Sie ist konsequent, hilfsbereit  und immer im Dienst. Bei einem anderen Chef hätte ich es sicher nicht so lange ausgehalten.“

Nachfolge geregelt

„Wir haben Camilla Triller vieles zu verdanken. Die erfolgreiche Entwicklung  des ,Groitzscher Hofes' ist eng mit ihrem Namen verbunden“, sagt die 52-jährige Vorstandsvorsitzende der Groitzscher Genossenschaft Sabine Stange. Sie ist auch froh, dass es nach dem Ausscheiden von Camilla Triller als Leiterin ohne Abstriche bei Angeboten und Service im „Groitzscher Hof“ weitergehen soll. „Alles bleibt wie bisher“, bemerkt sie. Dafür wird auch Camilla Triller mit beitragen. Sie wird eine junge Frau aus Groitzsch, die künftig als Angestellte der Genossenschaft die Gaststätte leiten wird, ab August dieses Jahres einarbeiten. „Mit dem ,Groitzscher Hof' soll es auch künftig eine runde Sache werden. Ich möchte mein  Lebenswerk gut fortgeführt wissen“, sagt die 65-Jährige. Als Mitglied des Vorstandes der Genossenschaft wird sie sich da auch weiterhin mit einbringen.

 

Text und Fotos: Dieter Hanke, 23.04.2018