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Ein Kampf für den Pfarrer

Das Pfarramt in Weistropp soll wegfallen. Kirchenmitglieder, aber auch viele weitere Bürger haben eine Petition für den Erhalt unterzeichnet.

Weistropp ist in Aufruhr. Das Pfarramt im Ort soll wegfallen. Pfarrer Christian Bernhardt, der hier schon zehn Jahre die Gemeinschaft betreut, soll sich nach einer anderen Arbeit umschauen, ließ der Kirchenbezirk Meißen-Großenhain wissen. Dagegen laufen die Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinden St.-Nikolai Weistropp-Constappel und Unkersdorf Sturm. Sie verfassten eine Petition zum Erhalt des Pfarramtes. 1 100 Personen haben diese unterschrieben, nicht nur die etwa 600 Mitglieder der beiden Kirchgemeinden, sondern auch viele Bürger aus diesen Orten und Umgebung, die nicht kirchlich gebunden sind. Die Petition landete im Kirchenbezirk Meißen-Großenhain und auch bei der Landeskirche. „Doch eine offizielle Antwort haben wir bislang noch nicht“, sagte Elke Voigtländer, Kirchvorsteherin der St.-Nikolai-Kirchgemeinde Weistropp-Constappel. Deshalb gehen die beiden Kirchgemeinden wieder an die Öffentlichkeit. Am 25. Oktober, 19.30 Uhr, wird eine große Podiumsdiskussion in der Unkersdorfer Kirche stattfinden. Auch die Landeskirche und der Kirchenbezirk sollen sich dort positionieren. Da geht es nicht nur um das Pfarramt in Weistropp und den vorgesehenen Strukturwandel in den Kirchgemeinden, um finanzielle Zwänge und Neuordnungen. Vor allem Inhalte des kirchlichen Wirkens, Menschennähe, Seelsorge, Kultur, Bildungsarbeit und anderes, also die Kirche im Dorf, sollen mit zur Sprache kommen. Wie wichtig das ist, zeigen auch die Meinungen von Weistropper Bürgern, die bei einem kürzlichen Rundgang gegenüber dem Klipphausener Amtsblatt geäußert wurden.

Schließung wäre Katastrophe

„Wenn das Pfarramt in Weistropp geschlossen wird, der Pfarrer und Mitarbeiter weggehen müssen, ist das eine Katastrophe. Viele Mitglieder werden aus der Kirche austreten. Das kulturelle Leben im Ort, die Arbeit mit der Jugend und anderes werden stagnieren. Oder auch der schöne Weihnachtsmarkt im Pfarrhof“, bemerkte Margot Heide. Einwohner Rudolf Winkler, der über 40 Jahre Bäckermeister im Ort war, würde darin einen großen Verlust für Weistropp und seine Einwohner sehen. „Der Pfarrer hat einen sehr engen Kontakt zu den Bürgern. Er wird sehr geschätzt“, sagte der 78-Jährige, der vor über 15 Jahren zusammen mit dem früheren Pfarrer den Förderverein in Weistropp gegründet hatte. Seine Frau Christel (77) ergänzte: „Der Pfarrer kümmert sich vor allem auch sehr um die Jugend, beliebt sind auch die Motorradausfahrten. Was soll denn dann werden? Wenn die Landeskirchen-Leitung nur die Geldeinsparung sieht und nicht die Menschen, wird die Kirche weiter an Bedeutung verlieren.“ Sozialpädagogin Sigrun Reichelt: „Das sind Kürzungen an falscher Stelle. Die Kirche soll sich lieber um die Bedürfnisse der Menschen kümmern und nicht Pfarrstellen streichen. Denn wenn Menschen vor Ort keine personale Präsenz der Kirche erleben und nur eine zeit- und kraft-raubende Selbstbeschäftigung der Kirchenbürokratie wahrnehmen, werden sie der Kirche den Rücken zukehren. Mit diesem Schritt dünnt sich die Landeskirche weiter aus.“

Auch Otfried Kotte aus Unkersdorf, der als Kirchvorsteher die Petition organisiert und jetzt auch die geplante Podiumsdiskussion angeschoben hat, ist frustriert. Gegenüber dem Amtsblatt sagte er: „Das Pfarramt ist die letzte Öffentlichkeit im Dorf. Geschäfte und Einrichtungen sind verschwunden. Jetzt soll auch noch das Pfarramt hier keine Zukunft mehr haben. Das wollen wir nicht hinnehmen.“

Lob für Pfarrer Bernhardt

Auch die Gemeinde Klipphausen hat diese Petition unterschrieben. „Der Pfarrbereich Weistropp-Constappel mit Herrn Pfarrer Christian Bernhardt kann ein vielfältiges und generationsübergreifendes Gemeindeleben vorweisen“, schrieb Bürgermeister Gerold Mann an den Superintendenten des Kirchenbezirks Meißen-Großenhain Andreas Beuchel. In den letzten Jahren seien viele junge Leute aufs Land gezogen. Ganz besonders dem Engagement von Pfarrer Bernhardt und seinen Kirchenvorständen sei es zu verdanken, dass diese Bürger in das Gemeindeleben aktiv einbezogen werden. „Die Kinder- und Jugendarbeit in diesem Bereich ist ausgezeichnet“, so der Bürgermeister. Weiter verwies die Gemeinde darauf, dass gut funktionierende und eingespielte Strukturen zu optimieren, zwar finanzielle Pluspunkte bringen kann, aber nicht immer von Vorteil für das Gemeinwohl sei. Immer größere Verwaltungseinheiten und Gemeindegebiete würden zu weniger direktem Bürgerkontakt und mehr Anonymität führen. Gerold Mann: „Wir bitten Sie deshalb, bei Ihren Überlegungen nicht nur die finanziellen Zwänge zu berücksichtigen, da gerade in der heutigen Zeit feste Strukturen und Anlaufpunkte in den Dörfern wichtig sind, um dem Auseinanderdriften der Gesellschaft Einhalt gebieten.“

Landeskirche schrumpft

Hintergrund des Ganzen ist: Zwar nicht in den Kirchgemeinden Weistropp-Constappel und Unkersdorf, aber generell in Sachsen laufen der Landeskirche die Mitglieder davon. Sie schrumpft stark. Das bedeutet weniger Kirchensteuern. Und am Ende auch weniger Pfarrer, Kantoren und Pädagogen. Ein Gesetz zur Strukturreform wurde unlängst von der Landeskirche beschlossen. Es sieht vor, die Struktur- und Organisationseinheiten zu vergrößern. Die Landeskirche plant in den nächsten Jahren eine Reduzierung der Pfarrstellen von jetzt mehr als 500 auf 450 (ab 2025) und bis 2040 auf 320 Pfarrer. Künftig sollen im ländlichen Raum auf 4 000 Gemeindemitglieder und in den großen Städten auf bis zu 6 000 Mitglieder jeweils drei Pfarrer kommen. Meißens Superintendent Andreas Beuchel: „Wir müssen im Kirchenbezirk bis 2020 von derzeit 42 auf 37 Pfarrstellen zurückgehen und bis 2025 auf 31.“

Die Kirchgemeinden Weistropp-Constappel und Unkersdorf haben da schlechte Karten. Vorgesehen ist, dass sie künftig in einer Region mit den Kirchgemeinden im Kirchspiel Wilsdruff sowie in Freital, Tharandt, Pesterwitz, Mohorn und weiteren Orten zusammengehen sollen. Doch nach dem neuen Schlüssel ist dort insgesamt die Anzahl der Pfarrstellen zu hoch. Welche fällt nun weg? Das ist noch nicht in der Region entschieden. Doch die Kirchgemeinden Weistropp-Constappel und Unkersdorf haben gegenüber den anderen Kirchgemeinden in dieser Region die wenigsten Mitglieder.

Für den Unkersdorfer Kirchvorsteher Otfried Kotte sei aber kein Grund, den Fortbestand eines Pfarramtes nur von der Mitgliederzahl abhängig zu machen. „Wir müssen doch auch nach dessen Bedeutung für das Leben in der Gemeinde sehen. Eine nur quantitative Betrachtung halten wir für destruktiv und lehnen diese deshalb ab. Wir sind aber bereit, über eine Neuprofilierung vor Ort nachzudenken und auch über neue Möglichkeiten zur Finanzierung von Pfarrstellen zu sprechen. Es geht um mehr Gestaltungsspielraum und Verantwortung für die einzelne Kirchgemeinde vor Ort. Die Kirchgemeinden in der Region sollen selbst über Anzahl und Finanzierung der Pfarrstellen entscheiden können und nicht alles von oben verordnet bekommen.“

Hoffnung für Weistropp?

Die Podiumsdiskussion im Oktober, zu der auch Superintendent Andreas Beuchel eingeladen ist, könnte da auch Signale an die Landeskirchen-Leitung senden. Denn nicht wenige Gemeindemitglieder von Weistropp-Constappel und Unkersdorf sehen in dem neuen Struktur-Papier keinen neuen Aufbruch der Landeskirche, sondern eine Personalpolitik, die das gemeindliche Leben austrocknet und keine Impulse für die Arbeit der Kirche setzt. Die Weistropper Kirchvorsteherin Elke Voigtländer: „Die Landeskirche baut jetzt für viele Millionen Euro ein neues Archiv und bei uns soll das Pfarramt geschlossen werden. Das passt nicht zusammen.“  

Das durch die Leitung der Landeskirche Sachsen in Kraft gesetzte Papier zur Strukturreform heißt „Kirche mit Hoffnung in Sachsen”. Eine schöne Formulierung – doch gilt diese auch für Weistropp-Constappel und Unkersdorf?

Text und Fotos: Dieter Hanke, 18.07.2018