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Dichter-Wanderweg in Klipphausen

Festliche Einweihung eines literarischen Wanderweges mit dem Dichter und Ehrenbürger Wulf Kirsten anlässlich seines 85. Geburtstages...

Die Gemeinde Klipphausen hat eine neue Attraktion: Einen Dichter-Wanderweg. Es ist eine literarische Wanderung „Sieben Sätze über meine Dörfer“ mit dem Dichter und Ehrenbürger von Klipphausen Wulf Kirsten, der vor wenigen Tagen seinen 85. Geburtstag feierte. Auf dem etwa sechs Kilometer langen Rundweg sind an insgesamt 19 Stationen auf Tafeln Gedichte von Wulf Kirsten zu lesen, hauptsächlich aus seinem 1987 erschienenen Gedichtband „die erde bei Meißen“. Es ist gewissermaßen sein Weg, den er als Kind oft gegangen ist und der nun an den literarischen Früchten seines Lebens vorbeiführt.

Dieser Dichter-Wanderweg macht vom Steinbruch Klipphausen zunächst einen kleinen Exkurs in Richtung Sachsdorf zur Alten Schule und verläuft dann zurück zum Schloss und Park Klipphausen und weiter zum Geburtshaus von Wulf Kirsten am Neudeckmühlenweg 4. Von dort geht es einige Schritte zurück, im Winkel dem Mühlgraben bis zur Lehmannmühle und dann der „Wilden Sau“ entlang bis zur Schlossmühle. Wieder auf dem Neudeckmühlenweg gelangt man zur Neudeckmühle. Weiter führt diese literarische Wanderung auf dem Alten Kirchweg nach Röhrsdorf und von dort auf diesem wieder bis zur Gabelung zurück, wo es eine Abzweigung nach Klipphausen gibt.

Dank für Poesie-Streifzug

„Ich freue mich sehr darüber. Für mich ist dieser Weg ein großes Geschenk. Dafür möchte ich mich vor allem beim Klipphausener Bürgermeister Gerold Mann und der Gemeinde bedanken“, sagte der Jubilar zum Amtsblatt. Nach einem Konzept, das der Thüringer Literaturrat gemeinsam mit dem Schriftsteller und der Gemeinde erarbeitet hatte, war in den vergangenen Monaten dieser Poesie-Streifzug durch die reizvolle linkselbische Landschaft entstanden. Unterstützt wurde das Vorhaben auch vom S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main, dessen Autor Wulf Kirsten ist. Literatur-Experten, der MDR sowie auch renommierte überregionale Zeitungen bewerten den Klipphausener Dichterweg als einzigartig. Er sei beispielhaft in Deutschland, denn er mache Lyrik der Gegenwart unmittelbar am Ort ihrer Entstehung erlebbar. Der Dresdner Schriftsteller Michael Wüstefeld spricht gar davon, dass so viel Poesie wie in Klipphausen nicht mal der Goethe-Wanderweg bei Ilmenau bieten würde. 

Über 120 Gäste anwesend

Am Sonntag, den 23. Juni, war Wulf Kirsten, bedeutender Naturlyriker und Gegenwartsautor Deutschlands und vielfacher Literaturpreisträger, der 1934 in Klipphausen geboren wurde und hier auch seine Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit verbrachte und seit 1965 in Weimar lebt, mit seiner Familie zur Eröffnung seines Wanderweges nach Klipphausen gekommen. Dieter Schneider, Beigeordneter und Bauamtsleiter, und Anja Jähnigen, Hauptamtsleiterin, in der Gemeindeverwaltung Klipphausen hießen dazu über 120 Teilnehmer, unter ihnen viele Literatur- und Naturfreunde, auch aus Weimar und Dresden, sowie Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft aus Sachsen, willkommen. Mit dabei war auch Ste'phane Michaud aus Paris, der jetzt den neuen Gedichtband „erdanziehung“ mit 51 neuen Gedichten von Wulf Kirsten ins Französische übersetzt hat, der 2020 in einem Genfer Verlag erscheint.

Landschaft wird Teil der Poesie

Wulf Kirsten dankte allen Beteiligten, die sich engagiert für das Zustandekommen dieses literarischen Wanderweges einsetzten. Sein Dank galt da besonders auch seinem Sohn Jens, von dem dafür die Initiative ausging. Der 52-Jährige ist Geschäftsführer des Thüringer Literaturrates. Für diesen sagte Vorsitzender Christoph Schmitz-Scholemann: „Poesie wird als eine universale Sprache bezeichnet, aber sie kommt nicht aus dem Universum und sie spricht nicht zu den Sternen. Nein, sie hat ihre Herkunft und ihre Heimat auf der Erde und sie spricht zu uns als Menschen, die ebenfalls eine Herkunft haben und einen Raum, mit dem uns Gefühle, Gedanken, Bilder und Worte verbinden. Und ich freue mich sehr, dass die in Wahrheit archaische Verbindung der Poesie mit Landschaft und Herkunft gerade hier zu Tage treten kann: Auf der Erde bei Meißen, in Klipphausen, wo nun die Gedichte Wulf Kirstens ganz greifbar und körperlich Teil der Landschaft geworden sind und die Landschaft Teil der Poesie wird.“ Der 69-jährige Vorsitzende dankte ganz herzlich der Gemeinde Klipphausen und den „vielen, die vor allem auch in den letzten Wochen und heute die großen und kleinen Mühen getragen haben mit soviel Liebe zur Heimat und ihrem Dichter“.

Kirstens Brot-Episode

Michael Wüstefeld, Schriftsteller und Literaturkritiker aus Dresden, sprach über sieben Wegemarken einer Freundschaft mit Wulf Kirsten und erzählte von etlichen Begegnungen. „Alle, die ,die erde bei Meißen' auf Schusters Rappen erkunden, können fortan zu Lesern und Leser zu Wanderern werden. Mögen sie, wie es bei Wulf Kirsten heißt, ,im weichbild meiner dörfer… mit meinesgleichen ein herz und eine seele' sein.“

Viel Beifall der Teilnehmer gab es auch für diese Sätze von Michael Wüstefeld: „Jeder Wocheneinkauf gewährt mir nicht nur Einblick in unsere Überflußgesellschaft, sondern mein Blick streift auch ein Schild über der Auslage wohlgestalteter Brote und Brötchen: ,Unser Bäcker aus Klipphausen'. Angesichts eines Bäckers auf die Spur eines Dichters zu geraden, gibt es etwas Besseres? Regelmäßig werde ich an Wulf Kirstens Brot-Episode aus den ,Prinzessinnen im Krautgarten' erinnert. Statt das in Meißen erstandene frische Pfundbrot zu Hause abzuliefern, verführten sein Duft und der Hunger dazu, auf dem Rückweg nach dem „Ränftel', wie Wulf Kirsten erzählt, ,Runksen um Runksen' abzusäbeln und zu verschlingen, bis nichts mehr übrig war. Also frage ich mich, wenn zum Wocheneinkauf mein Blick über das Bäckerschild streift, was die große Gemeinde Klipphausen so groß gemacht hat. Bäcker oder Dichter? Oder ihr Bürgermeister? Und es hat den Anschein, als ob das Dichten, seit es diese Großbäckerei gibt, wenigstens in Klipphausen keine ,brotlose Kunst' mehr ist.“

Literaturfreude begeistert

Als Einstimmung auf die literarische Wanderung las Wulf Kirsten dann aus seinem neuen Gedichtband „erdanziehung“ vor. In den Veranstaltungsräumen und im Schlosspark gab es anschließend noch angeregte Gespräche der Besucher.

„Er denkt in Landschaften, wunderschöne Sprachbilder. Und er war und ist ein geradliniger Mensch“, sagte Dr. Rosemarie Zschoche aus Constappel, die schon seit vielen Jahren enge Kontakte zu dem Dichter hat. Mit dem literarischen Wanderweg, so die langjährige Gemeinderätin, wolle die Gemeinde auch ein Zeichen setzen, dass sie sich nicht nur für Gewerbegebiete, sondern auch für Natur, Umwelt und Kultur engagiert. In Anlehnung an die Dichtkunst von Wulf Kirsten bezeichnete der Röhrsdorfer Pfarrer Christoph Rechenberg sein Präsent für den Jubilar scherzhaft als „gewachsene Erde“, und zwar zwei Obstbrände aus der Region, und zwar aus Birnen Clapps Liebling und Goldparmäne-Äpfeln. Der Dichter-Wanderweg sei eine Attraktion für die Bürger und setze Akzente auch für den Tourismus“, meinte er. Auch der ehemalige langjährige Dombaumeister aus Meißen, Günter Donath, sowie der frühere sächsische Innenminister Horst Rasch (von Mai 2002 bis November 2004) sprachen sich anerkennend über diese Initiatve in der Gemeinde Klipphausen aus. Sofia Kirsten, die 78-jährige Ehefrau des Dichters, bemerkte: „Eine schöne Idee. Wir sind sehr froh, dass es geklappt hat.“

Erlebnisse aus der Kindheit

Der 85-jährige Dichter ging dann mit Literaturfreunden, Familienangehörigen und weiteren Interessenten ein Stück seines literarischen Weges „Sieben Sätze über meine Dörfer“ vom Schlosspark Klipphausen bis zur Neudeckmühle. Dieser Spaziergang war auch eine Erinnerung an seine Dorfkindheit während der letzten Kriegsjahre und danach. Selbst Details seiner damaligen Erlebnisse erzählte da der Dichter so anschaulich, dass jene Zeiten plastisch wurden. „In der Backstube beim Bäcker habe ich damals mit geholfen“, erinnerte sich Wulf Kirsten an der Hesselmühle in Klipphausen oder auch „im Gemeindebusch haben wir Buden gebaut“. Die Hänge seien wir Kinder mit dem Schlitten hinabgesaust. Im Rübenkeller an der Lehmannmühle habe er im Frühjahr 1945 mit der Mutter und den anderen Kindern übernachtet, bevor am nächsten Morgen die Russen kamen. Hinter der Lehmannmühle hätten die Jungs auf der Lauer gelegen, um die Mädchen beim Baden in der „Wilden Sau“ zu beobachten. Diese und noch weitere Schilderungen aus vergangener Zeit waren sehr interessant, so zum Beispiel auch, dass der Neudeckmühlenwirt es versäumt hatte, sich rechtzeitig um einen elektrischen Anschluss für die Mühle zu bemühen, da dieser glaubte, dass der Strom aus der Wasserkraft ausreichen würde. Das wäre aber ein Trugschluss gewesen war und hätte für ihn lange Wartezeiten nach sich gezogen. Diese Wanderung mit Wulf Kirsten war so neben den Tafeln mit den Gedichten, die vom Bauhof der Gemeinde installiert wurden, eine schöne Bereicherung der offiziellen Eröffnung dieses literarischen Weges.

Text und Fotos: Dieter Hanke, 28.06.2019