^ Nach oben

Klingeln zur Pause überhört sie oft

Über Dr. Rosemarie Zschoche aus Hartha, die jetzt als Gemeinderätin und Lehrerin ausscheidet...

„Erst alles mal setzen lassen.“ Dr. Rosemarie Zschoche ist an jenem Freitagnachmittag Anfang Juli gerade aus der Meißner Triebischtalschule gekommen. Der letzte Schultag vor den Sommerferien ist auch ihr letzter Arbeitstag als Lehrerin. Die 65-Jährige geht in den Ruhestand. Auf dem Küchentisch türmen sich Geschenke – ein Karton, Meißner Porzellan steht drauf, daneben Weinflaschen, das Buch „Mittagsfrau und Schlangenkönig“ von Thomas Gerlach, Sagen und Mythen aus dem Elbtal und der Lausitz. Eine große Hortensie und weitere Blumen verdrängen fast andere Sachen. Ein Etui trägt die Bezeichnung „1. Hilfe für Rentner“. Kräuterlikör, ein kleines Päckchen „Kneipp-Bad“ und anderes sind drin. Der Blick fällt auf ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Rentner 2019. Für dieses T-Shirt musste ich lange arbeiten“. Daneben liegt eine Grußschrift mit vielen Namenszügen, in englischer Sprache steht: „Egal, was geschieht, sei glücklich.“ Dr. Zschoche bemerkt: „Das haben mir meine Schüler aus der Klasse 5b geschrieben. Ich bin dort stellvertretende Klassenleiterin gewesen.“

In Ruhe will sich die 65-Jährige dann alles noch genau anschauen. Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Triebischtalschule und Schüler haben ihr zum Abschied viele Geschenke gemacht. „Darüber freue ich mich sehr“, sagt sie.

Bild von der Silberstraße

Nebenan im Wohnzimmer in ihrem über 150 Jahre alten Bauernhaus in Hartha hat die Lehrerin schon alles für ein Gespräch vorbereitet. Belegte Brötchen, Kaffee. Auch eine Eierschecke, die sie selbst gebacken hat. Eine Spezialität von ihr. „Diese ist ohne Boden“, bemerkt sie.

Der Blick schweift in den Raum. Gemütlich eingerichtet. Ein hoher grüner Kachelofen dominiert. „Auch schon über 100 Jahre alt“, sagt sie. In der Übergangszeit würde sie diesen benutzen, ansonsten hätte sie ja Zentralheizung.

An einer Wand hängt ein großes Bild. Eine liebliche Landschaft. „So sah früher die Natur an der alten Silberstraße in Klipphausen aus. Heute ist dort das Gewerbegebiet“, lässt sie wissen. Bemerkenswert sind auch die beachtliche Deckenhöhe und der große Zuschnitt des Raumes. In so einem alten Bauernhaus hätte man eher niedrigere und kleinere Zimmer vermutet.

Fast 30 Jahre Gemeinderätin

Zunächst sprechen wir über ihre Tätigkeit als Gemeinderätin. Seit 1990 ist sie da in Klipphausen dabei. Nach nun fast 30 Jahren kandidierte sie nicht wieder für den Gemeinderat. „Jüngere sollen das fortsetzen. Wenn gewünscht, helfe ich noch mit meinen Erfahrungen“, sagt sie. Mit Erfolgen und Niederlagen, mit freudigen Dingen und Ärger, mit Hoffen und Bangen in dieser Gemeinde auf linkselbischer Flur ist sie in dieser Zeit eng verbunden. „Nach 1990 haben wir Arbeitsplätze geschaffen, damit Leute eine Existenz haben. Das Gewerbegebiet in Klipphausen entstand. Das Wohngebiet am Flachsgrund kam hinzu, ebenso in der Gemeinde neue Schulen und Kindertagesstätten, auch moderne Feuerwehrhäuser, Vereinsdomizile und sanierte Straßen. Die Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung wurde entscheidend verbessert“, zählt sie auf. Klipphausen sei für sie eine Gemeinde, wo der kommunale Alltag gut funktioniere und die Bürger eine hohe Lebensqualität haben. Bürgermeister Gerold Mann schätzt sie als eine engagierte Gemeinderätin und erinnert sich vor allem auch daran, dass Rosemarie Zschoche nach der Wende, wo es auch mancherlei Risiken gab, stets beharrlich nach Lösungen für die Entwicklung der Gemeinde suchte und auch vor Schwierigkeiten nicht kapitulierte. „Das verdient Anerkennung“, sagt er.  

Mehr Gelassenheit

Rosemarie Zschoche: „Natürlich gibt es noch einiges zu tun, manches klappt auch nicht wie gewünscht. Doch ich denke, die Gemeinderäte haben in all den Jahren gemeinsam mit der Verwaltung und einem tüchtigen Bürgermeister eine solide Gemeinde aufgebaut“, meint sie und spricht auch offen aus: „Wenn es unterschiedliche Ansichten zu Vorhaben gibt oder wenn Bürger Verbesserungen von der Gemeinde einfordern, was völlig normal ist, sollte das aber sachlich und mit Respekt untereinander erfolgen.“ So sei sie traurig darüber, dass die jüngsten Auseinandersetzungen von einigen Naustädter Bürgern mit dem Rat und der Gemeindeverwaltung über einen strittigen Hausneubau in diesem Ort mit solch großer Schärfe geführt werden. „Mehr Verständnis untereinander, mehr Gelassenheit wären da angebracht. Das hilft allen weiter, egal, wie die Sache nun ausgeht“, meint sie.

Ihre größte Niederlage

Heute sind Klipphausen, Triebischtal und Taubenheim eng zusammen gewachsen und erfolgreich in einer Gemeinde vereint, schätzt Dr. Zschoche ein. Doch das wäre nicht immer so gewesen. „Nach 2000 gab es in der linkselbischen Region schon mal die Chance, eine neue Oberschule auf Ullendorfer Flur zu errichten. 70 Prozent Fördermittel für Schulbau und Turnhalle stellte damals der Freistaat in Aussicht, wenn sich die drei Gemeinden Taubenheim, Triebischtal und Klipphausen geeinigt hätten“, sagt sie. Doch Triebischtal wollte damals den Neubau nicht und favorisierte die Schulsanierung in Taubenheim. „Das Vorhaben scheiterte so, die Mittelschule in Taubenheim machte später zu“, bemerkt die Gemeinderätin, die diese Sache auch als ihre schmerzlichste Niederlage in ihrer Abgeordnetentätigkeit betrachtet. Sie freut sich deshalb sehr, dass nun eine neue Oberschule auf Ullendorfer Flur entsteht.

Sie wurde Dolmetscherin

Rosemarie Zschoche wurde 1953 in Wilsdruff geboren, wuchs im elterlichen Bauernhof in Hartha auf. Bis zur sechsten Klasse ging sie in Röhrsdorf zur Schule, dann bis zur achten in Pegenau. Anschließend lernte sie an der EOS in Meißen, dem heutigen Franziskaneum, wo sie 1972 ihr Abitur machte. Danach studierte sie bis 1976 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig und erwarb das Diplom als Sprachmittler in Russisch, Englisch und Bulgarisch. Bis 1985 wirkte sie als Assistent an dieser Uni, dolmetschte auch bei Symposien und anderen Veranstaltungen. 1981 hatte sie mit Vorarbeiten für ein bulgarisches Wörterbuch promoviert.

An Schulen unterrichtet

1985 zog Rosemarie Zschoche von Leipzig wieder nach Hartha zurück, ihre Tochter Jenny war 1984 geboren worden. Danach war Dr. Zschoche bis zur Wende Sprachlehrerin an der Klubleiterschule im Schloss Siebeneichen in Meißen und wechselte anschließend in die Volksbildung. So arbeitete sie kurze Zeit an den Schulen in Gauernitz und Heynitz, ehe sie von 1992 bis zur Schließung 2003 an der Mittelschule in Pegenau und dann bis 2019 an der Meißner Triebischtalschule Russisch, Englisch und Deutsch unterrichtete.

„Lehrerin zu sein, den Kindern und Jugendlichen Wissen und menschliche Werte zu vermitteln, war für mich eine schöne erfüllte Tätigkeit“, sagt sie. Sie habe es auch als Herausforderung verstanden, gerade auf einer Mittel- und späteren Oberschule und nicht an einem Gymnasium tätig zu sein, wo eher die Lernbereitschaft der Mädchen und Jungen stärker ausgeprägt sei und wo es in den Elternhäusern oftmals auch weniger soziale Probleme gebe.

Lob von Schülern

Ende Juni 2019, kurz vor ihrem Eintritt in den Ruhestand, sagen nicht wenige Schüler der Klasse 5b der Triebischtalschule über Rosemarie Zschoche, die dort stellvertretende Klassenleiterin war: „Sie hat unseren Respekt, wir haben gern bei ihr gelernt. Und vor allem kann sie gut zuhören.“

Auch ihre Kollegin Andrea Lommatzsch aus Bockwen, die stellvertretende Schulleiterin an der Triebischtalschule ist und Frau Zschoche schon seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Mittelschule in Pegenau kennt, findet anerkennende Worte. „Sie wird uns fehlen. Sie hat ein Gespür für die Kinder, will sie gut auf das Leben vorbereiten. Und sie lässt andere ausreden, hört sich ihre Argumente an. Wir schätzen vor allem auch ihren Weitblick und dass sie sich nicht scheut, Verantwortung zu übernehmen.“

Dass Schüler der Triebischtalschule mehr den Blick für Europa gewannen, hier auch andere Menschen und Kulturen kennenlernten und Vorbehalte überwanden, ist auch mit ein Verdienst dieser Lehrerin. So engagierte sie sich zum Beispiel in den vergangenen Jahren für das EU-Bildungsprogramm Erasmus. Partnerschaften und Schüleraustauch mit Bildungsstätten innerhalb der EU waren die Folge. Triebischtalschüler fuhren nach Griechenland, England, Polen und in die Türkei und arbeiteten an Projekten.

Tiefe Liebe zur Natur

Rosemarie Zschoche wohnt seit Jahrzehnten in Hartha. Auf dieser einsamen Anhöhe hinter Röhrsdorf, wo es nur zwei Gehöfte und eine schmale Straße gibt, hat sie auch ihre Kindheit verbracht. Unten im Tal kreuzen sich das Saubach- und das Regenbachtal. „Eine wunderschöne Landschaft, hier hatte ich viele Erlebnisse und Entdeckungen“, meint sie. Und diese tiefe Liebe zur Natur prägt auch seit jeher ihre Haltung. Schon in den letzten Jahren der DDR setzte sie sich für Umweltbelange ein. Sie war Vorsitzende der Umweltgruppe Linkselbische Täler, die zum Beispiel auch erreichte, dass ein Wanderweg im Saubachtal, der von der damaligen LPG in einer Kuhweide eingezäunt wurde, wieder frei zugänglich wurde.

Freundschaft mit Wulf Kirsten

Und in dieser Zeit kam es auch zu einer ersten Begegnung mit dem Dichter und heutigem Ehrenbürger von Klipphausen, Wulf Kirsten. „Ich hatte 1987 in einer Meißner Buchhandlung seinen Band ,die erde bei Meißen' gesehen. Seine Gedichte über unsere linkselbische Heimat bewegten mich sehr. Er denkt in Landschaften, wunderschöne Sprachbilder.“ Mit anderen Gleichgesinnten organisierte damals Rosemarie Zschoche noch in jenem Jahr eine Lesung von Ulf Kirsten auf Schloss Scharfenberg.

Seit dieser Zeit riss der Kontakt mit dem heute bedeutendsten Naturlyriker Deutschlands nicht mehr ab. Die Harthaerin organisierte Treffen und Lesungen von Wulf Kirsten in der Region, fuhr auch zu ihm nach Weimar. „Diese Freundschaft bereichert mein Leben“, sagt sie und freut sich deshalb auch sehr, dass jetzt die Gemeinde Klipphausen zusammen mit dem Thüringer Literaturrat einen Dichter-Wanderweg von Klipphausen zur Neudeckmühle, dann weiter nach Röhrsdorf und zurück geschaffen hat. Auf diesem etwa sechs Kilometer langen Rundweg sind an insgesamt 19 Stationen auf Tafeln Gedichte von Wulf Kirsten zu lesen, hauptsächlich aus dem schon erwähnten Gedichtband „die erde bei Meißen“.

Keine Zeit fürs Faulenzen

Der Beginn ihres Ruhestandes ist für Rosemarie Zschoche alles andere als Faulenzen. Mitte Juli fuhr sie für eine Woche nach England, im August geht es für einige Tage nach Budapest. Ende September will sie mit einer Freundin den Neißeweg ab Görlitz mit dem Rad erkunden. „Bewegung hält fit“, bemerkt Rosemarie Zschoche, die vor einigen Jahren ihren Mann nach schwerer Krankheit verlor. Sicher wird sich auch ihre Familie freuen, wenn die Ruheständlerin weiterhin Unterstützung gibt. Denn da sind ihre Tochter Jenny (35), die als Gymnasiallehrerin am Nossener Gymnasium für Französisch und Ethik tätig ist und ihr Mann, der als selbständiger Zimmermann arbeitet und die drei kleine Jungs haben. Gemeinsam wohnen sie in diesem Harthaer Vierseithof, wo der Schwiegersohn den ehemaligen Pferdestall als Fachwerkgebäude weiter ausbauen möchte. Dann ist auch noch ihr Sohn Edgar (27), der an der Verwaltungsfachhochschule in Meißen studiert hat, jetzt in Leipzig wohnt und seine Ausbildung im Fach Europäische Studien an der TU Chemnitz fortsetzt. „Es gibt also genügend zu tun“, lacht sie. Das Klingeln zur Pause würde sie oft überhören.

Optimistisch sein

Und auch ihr großer Garten, wo man einen schönen Blick auf die Radebeuler Lößnitzhänge hat, macht Arbeit. „Ich liebe Blumen, besonders Zinnien“, bemerkt sie. Und weitere Pläne hat sie auch schon. So will sie noch Spanisch lernen und auch mal in die USA reisen. „Den Grand Canyon möchte ich gern sehen“, meint sie. Und weiter optimistisch durchs Leben gehen, was ihre Tochter Jenny an ihrer Mutter sehr schätzt. Denn die würde es mit dem Spruch halten: Alles Schlechte hat sein Gutes. Oder anders gesagt: Das Beste an allem Schlechten ist, dass ich daraus Gutes lernen kann.

Text und Fotos Dieter Hanke, 26.07.2019