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Flüssiges Glas ist wie Honig

Über die junge Glasbläserin Henriette Preuß aus Naustadt, die mit zu den Teilnehmern der Linkselbischen Höfe gehört, die am 3. Advent ihre Werkstätten und Gebäude für Besucher öffnen

800 bis 1 000 Grad hat die Flamme am Brenner, ein Gas-Sauerstoffgemisch. Henriette Preuß stellt gerade eine Teelicht-Glaskugel her. Die 31-jährige Kunstglasbläserin schwärmt vom Werkstoff Glas. „Er ist wunderbar, kann gedehnt, gezogen, gedrückt oder geblasen werden“, sagt die freiberufliche Kunsthandwerkerin. Sie fertigt filigrane Sachen aus Glasstäben oder Röhrenglas, eine Vielfalt an Formen. In ihrer Werkstatt in dem historischen Dreiseithof auf der Scharfenberger Straße 46 in Naustadt hat sie viele Exponate ausgestellt. Man staunt und bewundert – Fantasievögel, feingliedrige Spinnen, Fische, auch jede Menge Schmuck wie Ohrringe und -stecker, Armbänder, Anstecknadeln, Anhänger, Perlenketten und anderes. Aber auch Vasen, Schalen, verschiedenfarbige Trinkgläser, Christbaumkugeln, versilbert und bemalt, Blumenstäbe und noch viele weitere Glasartikel sind hier zu sehen. „Man muss Gefühl für das Glas haben“, sagt die junge Frau. Aber vor allem auch handwerkliches Geschick, Inspiration und Geduld. „Flüssiges Glas ist wie Honig. Man muss es ausbalancieren, aufpassen, dass es nicht tropft oder wegläuft“, bemerkt sie.

In Lauscha gelernt

Henriette Preuß wurde in Dresden geboren, wohnte in Meißen und zog 1995 mit ihren Eltern nach Naustadt in diesen alten Dreiseithof auf der Scharfenberger Straße, den die Familie ausbaute. Bereits vorher war sie in die Kita Naustadt gegangen, lernte dann an der dortigen Grundschule und machte 2007 ihr Abitur am Meißner Franziskaneum. Von 2008 bis 2011 verschlug es sie nach Lauscha in Thüringen. Sie erlernte an der Fachschule Glas den Beruf als Glasbläserin und schloss die Ausbildung mit der Note „Sehr gut“ ab.

„Sich dann selbstständig zu machen, war schwierig“, sagt sie. Einen Zuschuss als Existenzgründerin verwehrte die Arbeitsagentur der damals 23-Jährigen. Sie wäre aus der Ausbildung gekommen und nicht arbeitslos und würde so die Voraussetzungen für den Zuschuss nicht erfüllen. Außerdem müssten ihre Eltern für ihren Unterhalt aufkommen, da sie noch nicht 25 Jahre alt wäre.

Werkstatt im Dreiseithof

Doch Henriette Preuß gab nicht auf. Mit Unterstützung der Eltern und Großeltern setzte sie sich beharrlich für ihr berufliches Ziel ein. Im Dreiseithof wurde ihre Werkstatt eingerichtet. Deren Ausstattung kostete nicht wenig – Brenner, Werkzeuge, Armaturen, Schläuche, Glasstäbe und -röhren. Zum Beispiel musste sie damals für eine Sauerstoffflasche 50 Euro hinlegen, jetzt sind es zum Glück nur 30 Euro. „Eine Flasche reicht etwa eine Woche, je nach Arbeitsumfang brauche ich eventuell auch mehr“, bemerkt sie.

Sich als Kunsthandwerkerin am Markt zu behaupten, war für die junge Frau auch nicht leicht. Doch zunehmend machte sie sich einen Namen. Ihre filigranen Glasartikel und vor allem auch die reiche Palette ihrer Angebote und die Originalität ihrer Arbeiten sprachen die Leute an. Und Henriette Preuß ist da auch froh, dass sie noch über einen guten Bestand an farbigem Röhrenglas verfügt, den sie für ihre Produkte einsetzen kann. Denn eine Glashütte in Thüringen, die das farbige Ausgangsmaterial herstellte, schloss vor geraumer Zeit.

Workshops für Bürger

Hauptsächlich auf Märkten in Sachsen, beispielsweise auch zur alljährlichen Blumen- und Gartenschau im Kloster Altzella, bietet sie ihre Produkte an. Zum Teil sind diese auch in Fachläden erhältlich. Ein ständiger Auftrag für die Lieferung von Glaselementen für technische Apparaturen an ein Unternehmen in der Region hilft auch, ihre Existenz zu sichern. Doch große Sprünge machen kann sie nicht. Da sind jetzt in zunehmendem Maße auch Glasbläser-Workshops in ihrer Werkstatt für interessierte Bürger und Teams aus Betrieben, wo diese sich auch mal selbst am Brenner bei der Glasgestaltung ausprobieren können, oder auch Schauvorführungen und Veranstaltungen eine gute Gelegenheit für die junge Glasbläserin, ihre Handwerkskunst anderen nahe zu bringen und auch ihr Einkommen etwas aufzubessern. Da geht es zum Beispiel auch um Kindergeburtstage, Klassenausflüge oder Feiern von Mitarbeitern aus Betrieben und Einrichtungen. 

Erlebnis für viele Familien

Deshalb sei hier schon mal vorgemerkt: Zum neunten Mal findet am 3. Advent, am Sonnabend, dem 14. Dezember, und am Sonntag, dem 15. Dezember 2019, jeweils von 12 bis 18 Uhr die Veranstaltung der Linkselbischen Höfe in der Vorweihnachtszeit statt. Künstler, Landwirte, Kunsthandwerker und weitere engagierte Bürger öffnen da ihre Höfe, Werkstätten und historische Sehenswürdigkeiten für Besucher und präsentieren ihnen ihre Leistungen und Produkte (siehe Infos am Schluss dieses Berichtes). Auch Kunstglasbläserin Henriette Preuß ist da in ihrer Werkstatt auf der Scharfenberger Straße 46 in Naustadt mit von der Partie. „Ich freue mich schon sehr darauf“, sagt sie. Dieser Treff sei immer ein Erlebnis für viele Familien in der Vorweihnachtszeit. Auch Kulinarisches trägt an diesen zwei Tagen dazu bei, dass die Besucher schöne Stunden haben werden. Außerdem besteht dort gute Gelegenheit, auch ein Geschenk für die Lieben zu Weihnachten zu erwerben.

Bei Pflanzaktion dabei

Für Henriette Preuß ist diese Veranstaltung zugleich ein guter Beitrag, um Traditionen und ländliche Identität zu bewahren. „Unser Ort gehört mit zu den schönsten Dörfern in Sachsen. Dank dafür besonders auch den engagierten Leuten in der IG Naustadt und dem Verein Lebensraum Scharfenberg“, meint sie. Ihre Heimat sieht die junge Frau in den linkselbischen Tälern. „Die Natur hier ist wunderschön – die Streuobstwiesen, der Blick von der Höhe auf das Elbtal, die Fachwerkhäuser. Und ich freue mich über das Miteinander der Menschen im Dorf und ihr Bestreben, das denkmalgeschützte Antlitz des Ortes zu bewahren.“   

Die 31-Jährige bringt sich da im Dorf mit ein. Kürzlich war sie bei der Kirschbaum-Pflanzaktion von Einwohnern an der Straße von Riemsdorf nach Polenz mit dabei. „Ich möchte mithelfen, dass unsere Umwelt erhalten bleibt, Schäden beseitigt und vor allem noch mehr Grün unsere Landschaft bereichert“, sagt sie und wünscht sich da zum Beispiel auch mehr Wanderwege in der Region. Denn sie streift gern mit ihren zwei Kindern, dem siebenjährigen Sohn Jarlin und der fünfjährigen Tochter Selina, in der Natur umher und liebt Tiere. Dazu gehören auch die sieben Laufenten im Grundstück, ein betagtes Pferd, bald 29 Jahre alt, der Mischlingshund Lajosch und Katzen. Früher hat Henriette Preuß auch gestrickt, gehäkelt, gewebt und gefaltet, sich auch fürs Töpfern begeistert, ebenso für den Garten. Doch das ist nun erst einmal in den Hintergrund getreten. Denn es ist für sie nicht einfach, alles unter einen Hut zu bekommen, die Glasbläserei, Buchhaltung, den Haushalt, die Kinder. Die gemeinsame Lebensvorstellung mit ihrem einstigen Partner ging nicht auf. Seit einigen Jahren ist sie alleinerziehend, Sie ist dankbar, dass ihre Eltern und der Opa ihr zur Seite stehen. Ihr Bruder, der Informatiker ist, will ihr jetzt auch helfen, ihre Internet-Präsentation noch informativer und anschaulicher zu gestalten. Bei all den Belastungen im Alltag ist sie aber auch froh, dass sie die Möglichkeit hat, einmal abends in der Woche an einem Tai-Chi-Kurs teilzunehmen, um ihre Fitness zu erhalten.

Infos: Glaskunst Henriette Preuß, Scharfenberger Straße 46, 01665 Naustadt (Telefon: 0163 481 2169, Internet: www.glaskunst-henriette.de). Der Laden und die Glaswerkstatt ist dienstags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Text und Fotos: Dieter Hanke, 19.11.2019