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Herzensbäckerei macht Furore

Über eine engagierte Frau, die mit Mitte 40 noch den Sprung in die Selbständigkeit wagte und vor einem Jahr in der ehemaligen Schule in Pegenau mit einer Bäckerei startete, deren Brot und Brötchen heute bei vielen Bürgern der Umgebung gefragt sind...

Das ist mal eine gute Nachricht: In Pegenau gibt es eine neue Bäckerei. Im Erdgeschoss der alten Schule, in einem Raum, wo früher die Schulküche war, bäckt Anja Rackette leckere Brote und Brötchen. Einwohner von Pegenau, Naustadt, Scharfenberg und aus weiteren Orten der Umgebung sind von den Erzeugnissen begeistert. Selbst aus Meißen, Dresden, Wilsdruff oder Radebeul kommen Kunden. Herzensbäckerei heißt das junge Unternehmen, das vor knapp einem Jahr an den Start ging. Und mit Herz und Engagement geht die 47-jährige Pegenauerin Bckerin mit Brotauch zu Werke. Denn nur natürliche Zutaten, ein selbst gezogener Natursauerteig für die Brote und lange Gärzeiten und wenig Hefe für die Brötchen und vor allem auch eine liebevolle Hinwendung bei den einzelnen Arbeitsschritten machen den Erfolg ihrer handgemachten Backerzeugnisse aus. „Ich möchte mit meiner Arbeit den Menschen Freude bereiten. Mein Brot und meine Brötchen sollen ihnen gut schmecken“, sagt Anja Rackette.

Renner sind Doppelbrötchen

Mit deren Qualität können die meisten Produkte aus dem Supermarkt, die zwar billiger sind, nicht mithalten. Sogenannte Luftbrötchen oder auch Backwaren, die nach kurzer Zeit hart wie Stein sind, kommen nicht aus der Backmanufaktur in Pegenau. Auch nach mehreren Tagen sind die Erzeugnisse aus Dinkel-, Roggen- oder Weizenmehl weitgehend noch frisch und gut bekömmlich. Der Renner von Anja Rackette sind zum Beispiel die Doppelbrötchen, die an Brötchen aus DDR-Zeiten erinnern, die teigiger waren als heutzutage die oft in Supermärkten angebotenen Produkte. Der Absatz hier in Pegenau kann sich jedenfalls sehen lassen.

Wer ist diese Frau, die den Mut hatte, eine Bäckerei aufzumachen? In einer Zeit, wo in den vergangenen 20 Jahren in Sachsen mehr als jede dritte Bäckerei verschwunden ist und auch in Orten der Gemeinde Klipphausen immer mehr Bäcker dicht machten.

Über 25 Jahre im Handel

Die heute 47-Jährige wurde in Bad Schlema im Erzgebirge geboren. Aufgewachsen ist sie in Wildenfels im Landkreis Zwickau, erwarb dort auch den Zehn-Klassen-Abschluss und begann ein Fachschulstudium zur Unterstufenlehrerin in Auerbach, das aber nach zwei Jahren abgebrochen werden musste, da die Wende dazwischen kam. Anja Rackette sattelte um, ging in den Textil-Einzelhandel, wurde Verkäuferin und Handelsfachwirtin. Insgesamt 25 Jahre war sie im Handel tätig, bei der Handelskette C & A, zuletzt zehn Jahre dort als Filialleiterin unter anderem in Cottbus, Plauen und zuletzt mehrere Jahre im Elbepark Dresden. Vier Kinder zog sie groß, zwei Mädchen und zwei Jungs, die alle mittlerweile aus dem Haus sind und erfolgreich ihre Wege gehen. Vor fünf Jahren zog Anja Rackette nach Pegenau, wo sie mit ihrem Partner, der Sozialpädagoge ist, in der ehemaligen Schule wohnt. Die reizvolle Umgebung, die schönen linkselbischen Täler hätten da mit Ausschlag gegeben.

Schon immer gern gebacken

„Ich wollte einfach mal was Neues machen, mich ausprobierenKneten. Das Bäckerhandwerk hat mich gereizt“, sagt sie zu ihren Beweggründen. Gebacken hat sie schon immer gern in der Familie. Auch Bewohner in der alten Pegenauer Schule ermunterten sie, sich selbständig zu machen. Denn zu verschiedenen privaten Anlässen und fürs Wochenende hat sie schon vorher für mehrere Familien in diesem Gebäude schmackhafte Backwaren in ihrer Wohnung hergestellt. Die gute Resonanz war mit ausschlaggebend, dass sie nun diesen Schritt ging. Sie bildete sich an einer Akademie des Bäckerhandwerks weiter, machte sich im Selbststudium mit Rezepturen, Techniken und Organisation des Bäckereigewerbes vertraut. Im Oktober 2019 bekam sie nach erfolgter Prüfung die Zulassung von der Handwerkskammer Dresden, Brot und Brötchen herzustellen. Seit dem 1. November 2019 ist sie in der Handwerkerrolle eingetragen. „Für Torten, Kuchen und weitere Feinbackwaren benötige ich allerdings den Meisterabschluss oder ich stelle jemand ein, der über diese Qualifikation verfügt“, bemerkt die 47-Jährige.

Anfangs nur wenige Stückzahlen

Der Raum der einstigen Schulküche wurde hergerichtet, ein Backofen, Teigkneter, Spüle, Brotwagen, Regale, Bleche und anderes wurden angeschafft. Das meiste davon gebraucht. An die 15 000 Euro investierte sie in Technik. „Ich wollte mich nicht übernehmen. Erst mal sehen, wie es läuft“, sagt sie. Die Arbeitsagentur unterstützte mit einem Existenzgründerzuschuss.

Und das erste Jahr nach dem Start in der Backzunft war für Anja Rackette vielversprechend. Immer mehr wurde von den Leuten gekauft. Etwa 30 Prozent sind zurzeit Bestellungen. Waren es am Anfang nur bescheidene Stückzahlen, die produziert wurden, so zum Beispiel für einen Verkaufs-Dienstag im November 2019 an die 30 Brote und 80 Brötchen, sind es heute schon insgesamt über 200 bis 250 Brote in der Woche und mehr als 2 000 Brötchen, die über den angrenzenden Ladentisch in der Backstube gehen. „Da muss ich mich ganz schön sputen, um alles rechtzeitig herzustellen“, sagt sie. Vor allem sonnabends klingelt schon in der tiefen Nacht der Wecker, und das Tageswerk ruft. „Meine Backwaren sollen frisch sein. Das ist mein Anspruch“, meint sie.

Nach Demeter-Richtlinien

Es hat sich bei den Bürgern schnell in der Umgebung herumgesprochen, dass es da in Pegenau eine neue BäckereiBackstube gibt, die vor allem auf gesunde und schmackhafte Bio-Erzeugnisse setzt, die Teiglinge nach Demeter-Richtlinien herstellt. Der Sauerteig fürs Brot reift zum Beispiel etwa 18 Stunden. Anja Rackettes Produktpalette wurde nach und nach immer umfangreicher. Vor allem Dinkel, Roggen, Vollkornmehl, Leinsamen, Kürbis- und Sonnenblumenkerne, Sesam, Walnüsse, Mohn, Aronia, Haferflocken und andere natürliche Zutaten werden für Brot und Brötchen verarbeitet. Es gibt mittlerweile sechs verschiedene Brotsorten, auch Schinken- und Zwiebelbrot oder mit Ölsamen können bestellt werden. Bei den Brötchen gibt es ebenfalls ein breites Sortiment. Vor allem Dinkel-Erzeugnisse sind bei den Kunden gefragt. „Ich weiß aus eigener Erfahrung in der Familie, wie wichtig eine gesunde Ernährung ist. Da möchte ich meine Kunden unterstützen“, bemerkt die Pegenauerin. Von Anfang an hat sie deshalb auch großen Wert darauf gelegt, dass Rohstoffe für ihre Backproduktion aus Unternehmen kommen, die sich dem Bio-Gedanken verschrieben haben. So lieferte Dinkel-Mehl die Miltitzer Mühle von Alexander Bartsch, Roggen und Weizen kam von Lutz Gläser aus Pegenau, der Tierarzt ist und Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt und seinen Sitz im einstigen Rittergut Pegenau hat. Weitere Zutaten liefern Bio-Höfe der Region und aus weiteren Orten von Sachsen. Sie schätzt ein, das sie derzeit im Jahr jeweils an die acht bis zehn Tonnen Dinkel- und Weizenmehl benötigt sowie sechs Tonnen Roggenmehl.

Hofladen im nächsten Jahr

Anja Rackette: „Es war sicher ein Wagnis von mir, im Bäckereigewerbe einzusteigen. Es hätte auch schief gehen können, manche haben mir auch abgeraten. Doch die gute Entwicklung in meinem ersten Jahr als Bäckerin und besonders auch die positive Kundenresonanz bestärken mich, hier weiter voranzukommenOfen.“ So besteht die Absicht, dass sie Ende nächsten Jahres ihre Bäckerei in ein nahes Seitengebäude im früheren Rittergut Pegenau verlegt und dort auch einen Hofladen eröffnet, in dem zunächst Backwaren und später schrittweise auch Naturprodukte angeboten werden. In der jetzigen kleinen Schulküche stößt sie mit der Herstellung von Backwaren an Kapazitätsgrenzen. Mit dem Eigentümer Lutz Gläser ist sie sich schon einig, dass sie in dem Seitengebäude zur Miete einziehen kann. Der Tierarzt und Landwirt im Nebenerwerb freut sich sehr über das Engagement von Anja Rackette. „Für mich wird da ein Traum war, eine Super-Lösung. Die Frau ist Spitze“, sagt er. Anfang nächsten Jahres soll der Ausbau des Seitengebäudes beginnen. Für Lutz Gläser könnte so die landwirtschaftliche Produktion von Getreide und historischen Kartoffelsorten einhergehen, dass die Erträge gleich an Ort und Stelle verarbeitet und verkauft werden „Ein schöner Kreislauf“, betont er. Im Herbst dieses Jahres sät er auch Dinkel aus, um damit der steigenden Nachfrage von Kunden bei Frau Rackette nach Dinkel-Backerzeugnissen nachzukommen. Bislang hatte Lutz Gläser Getreide an den Großhandel verkauft.

Und auch die Handwerkskammer Dresden zeigt sich aufgeschlossen, was die neue Bäckerei in Pegenau betrifft. „Hochachtung vor dieser Frau, die hier so durchstartet. Wir stehen ihr mit unseren Beratungen gern zur Verfügung“, sagt Daniel Bagehorn, Pressereferent der Handwerkskammer Dresden. Es sei schon außergewöhnlich, dass sie in ihrem Alter noch so einem Schritt wagt. Normalerweise seien es junge Leute, die den Bäckerberuf erlernen und danach noch ihren Meister machen.

Viel  Kundenlob

Für die Kunden der neuen Bäckerei Brtchen Brotin Pegenau zählt erstmal das Hier und Heute. Einige Stimmen. Karl Münch (77) aus Scharfenberg, Schulleiter in Pegenau und Taubenheim: „Sehr leckere Backerzeugnisse. Mich freut auch, dass die ehemalige Schulküche in Pegenau nun eine neue Bestimmung hat.“ Silke Petermann, Therapeutin: „Die Sachen schmecken super.“ Rolf Seidel aus Meißen: „Doppelbrötchen und Walnussbrot haben es mir besonders angetan.“ Anna Schill aus Meißen: Ich kaufe hier für die Verbrauchergemeinschaft für ökoloisch erzeugte Produkte Meißen ein. Die Backwaren hier sind genau das Richtige für uns.“ Romy Panier aus Pegenau: „Gute Qualität, natürliche Rohstoffe, keine Luftbrötchen wie anderswo. Wir sind sehr zufrieden.“ Und auch Jenny Cauvin aus Hartha schätzt die Backwaren aus Pegenau. „Es ist anerkennenswert, dass sich Frau Rackette so um eine gute Versorgung der Bürger mit Brot und Brötchen bemüht. Wir kaufen hier gern ein, weil die Erzeugnisse schmecken und Wert auf natürliche Rohstoffe ohne Zusätze gelegt wird. Wir freuen uns auch, dass es in unserer heimischen Umgebung wieder eine neue Bäckerei gibt, was für die Bürger von Vorteil ist.“

In ihrer jetzt knapp bemessenen Freizeit haben für Anja Rackette vor allem auch ihre Kinder und die drei Enkel Vorrang. Lesen und Handarbeiten sind da weitere Beschäftigungen. 

Herzensbäckerei im Alten Rittergut 4, 01665 Pegenau (ehemalige Schule). Geöffnet ist Dienstag und Freitag von 14 bis 18 Uhr, am Sonnabend von 7 bis 10 Uhr. Infos an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder 0172 6896022.

Text und Fotos: Dieter Hanke, 30.10.2020