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Müllers Lust dauert noch an

Werner Hebeld aus Wildberg betreut mit seiner Frau seit über zehn Jahren die Miniaturmühle der Gemeinde in Gauernitz. Der jetzt 80-jährige Mühlenchef möchte das noch eine Weile tun, wenngleich sich schon mal interessierte Nachfolger bei der Gemeinde melden könnten...

 

...Werner HebeldHebeld ist schon ganz kribbelig. „Ich kann die neue Saison kaum erwarten“, sagt der Wildberger. Vor wenigen Tagen hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert. „Solange ich noch fit bin, möchte ich mit meiner Frau dieses Wunderwerk der Technik betreuen“, meint er. Werner Hebeld ist seit 2009 Chef der kleinsten noch produzierenden Getreidemühle Deutschlands, die im idyllischen Eichhörnchengrund in Gauernitz steht und im Besitz der Gemeinde Klipphausen ist. In diesem technischen Kleinod aus dem Jahr 1974 ist alles im Maßstab 1:5: Mühlengebäude, Maschinenhaus, Wasserrad, Wirtschaftsgebäude und auch die Tausenden originellen filigranen Details wie Schaufel, Sense, Rechen, Blumenkästen, Dezimalwaage, Bettlaken, Mehlsäckchen, Vasen, Figuren und anderes.

Bald gibt es wieder Gugelhupf

Es grünt und blüht jetzt im Mühlenareal. In den Anlagen geben die Blumen und Stauden mit ihren Farbtupfern einen wunderschönen Kontrast zum satten Grün des Grases, dazu auch die reizvolle Blutbuche hinter der Mühle. Vögel zwitschern, auch der Buntspecht, der sich im Stamm einer Erle, die im August 2011 von einem Kugelblitz getroffen worden war, seine Höhle eingerichtet hat, macht sich bemerkbar. „Es ist sehr schade, dass wir nicht schon zu Pfingsten öffnen konnten. Corona ließ das aber noch nicht zu“, bemerkt er. Auch seine Frau Ilona ist traurig, dass es noch nicht mit der Wiedereröffnung geklappt hat. Den Winter über hat sie alles für die neue Saison vorbereitet, die Gardinen und Deckchen gewaschen, Accessoires geputzt und geflimmert und anderes mehr. Gern hätte sie schon zu Pfingsten den beliebten Mühlenkuchen aus dem Weizenmehl der Mühle gebacken, Gugelhupf genannt, der bei den Besuchern sehr beliebt ist. „Wir hoffen, dass es bald wieder losgehen kann“, sagt sie. Das wünscht sich auch der Bauhof der Gemeinde, der wieder in der Anlage Gras gehauen und mit Farbe das Mühlengebäude aufgefrischt hat. Die Holzfiguren am Mühlengebäude wird Werner Hebeld erst aufstellen, wenn es wärmer ist. „Die Feuchtigkeit würde sonst den Gegenständen zu sehr zusetzen“, sagt er. So werden die Waschfrau mit Zuber, Fuhrwerke, Sägebock und weitere Dinge, die mit für ein liebliches Flair sorgen, wohl erst ihren traditionellen Standort erhalten, wenn wieder die Besucher in die Anlage kommen.

Ein touristisches Highlight

Der originalgetreue Miniaturbau im Eichhörnchengrund ist ein touristisches Highlight. Mehre tausende Besucher aus dem In- und Ausland kommen jährlich von Frühjahr bis Oktober hierher, um dieses technische Meisterwerk zu sehen: Schulklassen, Hortkinder, Sport- und Wandergruppen, Vereine, Familien, Mühlenfreunde, Touristen. In Werner Hebeld haben sie einen versierten Mühlenchef. „Ich habe mich intensiv mit der Geschichte der Mühle und dem Müllerhandwerk beschäftigt“, sagt der Wildberger. Auch habe er sich in anderen Mühlen in der Region umgeschaut, sich Rat bei erfahrenen Müllern geholt. Leute staunen bei den Führungen, wie genau Werner Hebeld den Mahlvorgang erläutert, wie er exakt auf die Funktionsweise von Mahlwerk, Förderschnecke, Mischer, Sieb- und Reinigungstechnik eingeht. Das Mehl, das diese Mühle mahlt, wird nicht in Zentnern, sondern in Gramm gewogen. An die fünf Kilogramm Mehl mahlt die Mühle in einer Saison. Das Bio-Getreide kommt aus der Bartsch-Mühle in Miltitz.

Doch die Besucher, die zu den Öffnungszeiten jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 13 bis 16.30 Uhr kommen (der Eintritt ist kostenlos, um eine Spende für den Erhalt des Mühlenensembles wird gebeten) sind nicht nur begeistert von der Detailgetreue der filigranen Mühlenanlagen und von Maschinenhaus und Wirtschaftsgebäude. Beim Betreten der begehbaren Getreidemühle tauchen sie gewissermaßen in eine Zwergenwelt ein. Die gesamte Einrichtung ist mit viel Liebe an die Größe der Einrichtung angepasst. Und es gibt dort vieles zu entdecken: Bilder, Sprüche zum Müllerhandwerk, Figuren, historische Dokumente und Werkzeuge und anderes mehr – faszinierende Kuriositäten.

Zu Recht ist diese Miniaturmühle der Gemeinde Klipphausen ein beliebtes Ausflugs- und Wanderziel von Tausenden, ein eindrucksvolles historisches Kulturgut im linkselbischen Gebiet, das zur Identität mit dem ländlichen Raum beiträgt und Traditionen und Leistungen der vergangenen Zeit bewahrt. Die Gäste-Mühlenbücher sind beredtes Zeugnis davon (Ausschnitte im untenstehenden Artikel).

Dankeschön von der Gemeinde

Bürgermeister Mirko Knöfel: „Wir haben Werner Hebeld und seiner Frau Ilona Frauvieles zu verdanken. Mit Engagement betreuen sie schon über viele Jahre dieses technische Kleinod. Sie haben es vor dem Verfall gerettet und tragen mit ihrer Sachkenntnis und ihrer liebevollen Hinwendung zu diesem technischen Denkmal dazu bei, dass die Besucher begeistert sind und damit auch die Gemeinde bekannter wird. Wir gratulieren Werner Hebeld zum 80. Geburtstag.“

Vor dem Verfall gerettet

Diese Modellmühle wurde von 1968 bis 1974 vom Coswiger Maler und Denkmalpfleger Günther Schulze auf dem 3 000 Quadratmeter großen Grundstück im Eichhörnchengrund errichtet. Zahlreiche Gäste erfreuten sich viele Jahre an diesem technischen Kunstwerk. Hebelds haben heute noch einen Film, der den Erbauer der Mühle bei seinem Freizeithobby zeigt. „Günther Schulze hat sich leidenschaftlich um diese Mühle gekümmert“, sagt Werner Hebeld. Doch nach dem Tod des Malers 2001 stagnierte alles. Gebäude und Einrichtungen der Schulze-Mühle begannen zu verfallen. Die Gemeinde Klipphausen erwarb später die Mühle von der Staatlichen Bodenverwertungsgesellschaft. Dann traten gewissermaßen Ilona und Werner Hebeld ehrenamtlich das Erbe des Coswiger Erbauers an. Die Mühle war in einem traurigen Zustand, vieles war hinüber, manches fehlte oder war marode. Seit 2009 stellten sie die Mühle aus einem Berg von defekten und unvollständigen Teilen in ihrem alten Liebreiz wieder her und brachten die komplizierte Modelltechnik im Inneren wieder zum Laufen. Werner Hebeld reparierte Mahlwerke, erneuerte Antriebe, drehte Lager und Wellen, baute Halterungen für die Förderschnecke sowie Mischer, Sieb- und Reinigungstechnik. Seine Frau staffierte das Areal aus. Der Bauhof der Gemeinde packte mit zu, Schutzhütte und Rastplatz entstanden später. In den folgenden Jahren wurde auch das Fachwerk der kleinen Mühle saniert, Dächer von Mühle und Maschinenhaus neu gedeckt. Viele Ausstattungen wie Blumenkästen, Figuren und weiteres Interieur kamen hinzu. Schon im April 2011 war Wiedereröffnung des Areals gewesen, klapperte das Mühlrad wieder, das vom Wasser des Grundbaches angetrieben wird.

Ihr zweites Zuhause

"Ich liebe das Friemeln. Bei den filigranen Modellteilen ist Millimeterarbeit gefragt, alles muss passgenau sein“, sagt er. Ihm kommt da zugute, dass er als ehemaliger Werkzeugmacher über großes handwerkliches Geschick verfügt. „Das ist meine Leidenschaft“, sagt er. Diese Haltung, exakt zu sein, nach Lösungen zu suchen, zahlt sich nun bei der Miniaturmühle aus. „Die Mühle ist unser zweites Zuhause. Wir pflegen und betreuen das Areal so als wäre es unser Eigenes“, sagen die beiden Wildberger. Die Aufwandsentschädigung, die Hebelds von der Gemeinde für die Mühlenbetreuung erhalten, hält sich in Grenzen. Es sind andere Beweggründe, die diese zwei Bürger veranlassen, sich so einzubringen. „Ich freue mich, wenn andere Menschen Freude an dieser Mühle haben, wenn sie unsere Arbeit wertschätzen und uns ein Dankeschön aussprechen“, sagt Werner Hebeld. Seine Frau denkt da genauso. Und so schauen sie auch im Winter oft nach dem Rechten in der Mühle, bauen vorher Mühlenteile aus, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen, denn im Eichhörnchengrund ist es sehr nass. Seine Frau kümmert sich da auch um die Gegenstände und Einrichtungen im Wirtschaftsgebäude des Mühlenareals, die eingelagert werden müssen und auch um die Pflanzen im Grundstück, die vor den Unbilden des Winters geschützt werden müssen. Und ihr Mann hat auch in der kalten Jahreszeit genügend mit der Mühle zu tun. So repariert er Modellteile, drechselte zum Beispiel auch neue Riemenscheiben aus Eichenholz, setzte das Gebläse für das Getreide-Reinigungssieb instand, erneuerte Fensterumrandungen aus Holz an der Mühle und vieles andere. Meist mit dem Fahrrad fährt der Wildberger zur Miniaturmühle. „Bewegung hält gesund“, sagt er. Zur Adventszeit strahlen die Schwibbögen in den Fenstern der Mühle – ein wunderschöner Anblick.

Lob auch vom Bauhof

Auch die Männer vom Klipphausener Bauhof um Chef Andreas Uhlmann sind des Lobes voll über die Mühlen-Verwalter aus Wildberg. Ohne die Hebelds wäre das Mühlenareal nicht in einem solch vortrefflichen Zustand, bemerken sie. Ihnen sei es maßgeblich mit zu verdanken, dass die Miniaturmühle heute weithin bekannt ist. Und sie haben auch den Skeptikern, die 2009 meinten, das schaffen die Hebelds nie, die Mühle in Gauernitz wieder herzurichten, gezeigt, was sie durch Fleiß, Beharrlichkeit und Fachkenntnis alles bewirken können. Andreas Uhlmann: „Werner Hebeld ist akribisch, sehr gewissenhaft. Detailgetreu hat er alles mit viel HerzblutSchulzemhle wieder aufgebaut, er ,brennt' für die Mühle. Werner Hebeld ist für die Gemeinde ein großer Gewinn.“

Kraftwerk soll zurückkehren 

Wünsche und Ziele, was die Mühle anbelangt, haben die beiden Wildberger noch einige. Werner Hebeld wünscht sich sehnlichst herbei, dass das einstige originale Kraftwerk mit Turbine und Generator wieder an seinem angestammten Platz im kleinen Maschinenhaus in der Gauernitzer Anlage zurückkehrt. Gegenwärtig steht es im „Drei-Brüder-Schacht“ in Zug bei Freiberg. Die Bemühungen waren bislang erfolglos. „Die Gemeinde müsste da mehr Druck machen“, meint er. Aber er wünscht sich auch mit seiner Frau, dass noch mehr Werbung für die kleinste noch produzierende Getreidemühle Deutschlands gemacht wird. Er denkt da an den Tourismusverband Elbland-Dresden und die Dresden Marketing GmbH. Aber auch an die Gemeindeverwaltung Klipphausen, die jetzt ihre Homepage überarbeiten will. „In Bayern ist man da viel weiter. Dort wird jedes historische Denkmal oder Bauwerk, jeder markanter Stein als Sehenswürdigkeit den Touristen offeriert. Wir hinken da hinterher, sind viel zu zaghaft. So eine Miniaturmühle wie in Gauernitz wäre dort ein touristisches Highlight ersten Ranges. Die Bayern vermarkten ihre Errungenschaften und Sehenswürdigkeiten viel besser als wir“, so der Mühlenverwalter. Und er hofft auch, dass der Gauernitzbach wieder mehr Wasser führt. „Seit vier Jahren ist der Wasserstand so niedrig, dass das Mühlen-Wasserrad nicht mehr angetrieben wird. Wir mussten deshalb einen Elektromotor einschalten, um die Mühlenanlage in Betrieb zu setzen.“

Gut ausgestattete Werkstatt

In Wildberg ist Werner Hebeld geboren und aufgewachsen, ging in Weistropp zur Schule. In Radebeul lernte er in einem Betrieb Werkzeugmacher und arbeitete dann in verschiedenen Firmen in der Region. Über 40 Jahre war er als Werkzeugmacher tätig, stellte zum Beispiel auch Präzisionswerkzeuge für die Kameraindustrie her. Seine Frau Ilona stammt ebenfalls aus Wildberg. Schon seit seiner Kindheit kennt er sie, sie hatten einen gemeinsamen Schulweg und tobten in ihrer Freizeit an der Elbe. Sie haben eine Tochter und zwei Enkel.

Auch in seinem Wildberger Grundstück, das er von den Eltern (sein Vater erbaute das Haus 1932) im Jahr 1976 übernommen und Schritt für Schritt modernisiert hat, ist Werner Hebelds Handschrift überall zu sehen. Gewissenhaft zu sein, ist auch hier sein Credo. Sein Stolz ist die Werkstatt, die er sich eingerichtet hat. Sie ist gewissermaßen Spiegelbild seiner Haltung. Gut ausgestattet ist sie – mit einer sechs Zentimeter starken Werkbank aus Eichenbohlen. „Die hält was aus. Da kann man schon mal kräftig draufschlagen“, schmunzelt er. Aber auch die anderen Geräte und Werkzeuge kommen der Mühle in Gauernitz mit zu Gute: Drehmaschine, Schleifbock, Fräse, Kreissäge, Bohrmaschine und anderes, „Das ist hier mein Reich“, sagt er. Zu DDR-Zeiten unterstützte er seine Frau, die Heimarbeit machte. So stellten sie Messingmuffen für Kugellampen her, die auch den einstigen Palast der Republik in Berlin erleuchteten. Aber noch viele andere Teile wurden damals in seiner Werkstatt produziert: Düsen für Schweißbrenner,Maschine Mikrofonständer, Schreibfedern für Wetterstationen, Schrauben und anderes. Schon einst waren da bei den Hebelds Augenmaß und Präzision gefragt, die auch heute noch in der Mühle von Vorteil sind. Getüftelt hat Werner Hebeld schon damals. So baute er das Modell einer Dampfmaschine, ebenso eine Antenne, mit der er ab 1961 im Westfernsehen auch die Hitparade sehen konnte.

Holz in vielen Variationen

Auch in seinem fast 1 000 Quadratmeter großen Grundstück mit Blick auf die nahe Elbe modernisierte er vieles. Er liebt Holz, das dort in vielen Variationen zu sehen ist. Eine kleine Sommerküche im Garten entstand vor vielen Jahren, ebenso eine Ferienwohnung in einem Anbau. Gepflegt sieht das Anwesen aus - mit vielen Blumen, Sträuchern und Bäumen, was in erster Linie das Werk seiner Frau ist, die Verkäuferin gelernt hatte. Weit über 50 Jahre sind sie jetzt miteinander verheiratet. Sie seien gewissermaßen ein eingespieltes Team, kennen ihre Stärken und Schwächen. Nach vorn zu schauen, sich Ziele zu stellen und da beharrlich zu sein, sei ihr Lebensmotto, meinen die beiden Wildberger. So stehen sie auch früh auf, ihr Tag ist strukturiert. In Urlaub fahren sie meist in die Berge, nach Österreich oder in die Schweiz. „Wir wandern aber auch gern in der Sächsischen Schweiz oder fahren mit dem Rad in die linkselbischen Täler“, sagt seine Frau.

Noch vieles mehr könnte über die beiden tüchtigen Wildberger berichtet werden. Doch sie mögen es nicht, so im Rampenlicht zu stehen. Vielleicht noch das: Seine Frau kocht gut, und Werner Hebeld liebt einfache, solide Gerichte ohne Schnickschnack: Kartoffelsuppe, marinierten Hering, Butternudeln, Klopse, Quark und Kartoffeln, aber auch Schnitzel und Karnickelbraten. 

Er ist nun 80, sie 78. Gesundheitlich sind die beiden Wildberger noch gut beieinander. Von heute auf morgen wollen sie nicht ihre Mühle in Gauernitz aufgeben. Müllers Lust soll es bei Hebelds da noch einige Zeit heißen, wenn nicht unvorhergesehene Dinge eintreten. Was aber nicht ausschließt, dass sich schon mal engagierte Leute bei der Gemeindeverwaltung melden könnten, die in der Perspektive das Werk der Hebelds fortführen könnten.

Text und Fotos: Dieter Hanke,07.06.2021